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Der Preis des Lebens

Man sagt, dass das Aussehen Aufschluss über das Schicksal eines Menschen geben kann – natürlich nur, wenn dieser ein langes Leben hinter sich hat. Wenn man Maria Andrejewna Gajntz sieht, bleibt der Blick unwillkürlich auf ihren sehnigen Händen hängen. Und man muss sich hier nicht einmal mit Handlesen auskennen, um ihr Schicksal zu deuten. Es liegt ihr buchstäblich auf der Hand.

Maria ist gebürtig aus dem Gebiet Saratow. Im September 1941 wurde sie, wie die meisten Wolgadeutschen, zusammen mit ihrer Familie – Mutter, Vater und drei kleinen Brüdern – nach Sibirien verschleppt. Schuld daran war der Krieg gegen Deutschland. Die Deutschen verließen ihre angestammten Wohnorte nicht aus freiem Willen. Sie mussten ihre Häuser, ihr Hab und Gut, ihr Vieh, zurücklassen. Alle Zukunftspläne wurden zerstört, ganz zu schweigen davon, dass es für viele, besonders für die alten Menschen (die ihr Leben bereits so gut wie gelebt hatten), keinen Glauben und keine Hoffnung auf ein besseres Leben mehr gab.
Die Umsiedler waren unterwegs, ohne zu wissen, was sie erwartete und wie die raue sibirische Erde sie empfangen würde. Auch für die damals 20-jährige Maria zerbrachen die Märchenschlösser. Sie wollte ihr Leben mit einem Jungen aus ihrem Dorf verbinden, doch …

Und so gelangten die Umsiedler in einem überfüllten Güterwagen an ihren neuen Wohnort. Hunger und Kälte machten nicht nur denjenigen zu schaffen, die von schwacher Gesundheit waren, sondern auch denen, die körperlich robust und voller Kraft waren. Mit großer Mühe gelangte die Familie Konstanz nach Sibirien, genauer gesagt in das Dorf Juksejewo in unserem Bezirk. Kaum hatten sie sich am neuen Wohnort niedergelassen, als Maria im Dezember 1943 in die Arbeitsarmee geschickt wurde – in die Republik Burjatien. Die Arbeit, die die Frauen (es waren 300 an der Zahl) verrichten mussten, war kräftezehrend. Pro Tag bekam jede von ihnen 50 Gramm Brot. Sie hausten in feuchten Baracken, in vielen gab es kein Licht, mit Ausnahme der Baracke, in der Maria sich befand.

In den Schacht fuhren sie am frühen Morgen ein, am späten Abend wieder heraus. Die Frauen führten Arbeiten aus, die für sie ungeeignet waren (nicht einmal jeder Mann hätte sie verrichten können), und durch die die Beine anschwollen, die Gelenke schmerzten und die Hände rissig wurden. Aufgrund ihres Gesundheitszustands wurde Maria in die Küche verlegt, wo die Arbeit zwar leichter war, sie aber dennoch schwere Töpfe, Eimer usw. heben musste. Fast sechs Jahre lang musste Maria in dem Revier arbeiten, bis sie schließlich im Oktober 1948 ins elterliche Haus zurückkehren durfte, wo ihre Familie sie erwartete.

Für niemanden ist es ein Geheimnis, dass die Nachkriegszeit die nachfolgende Generation nicht gerade verwöhnte; das war in Sibirien, wie auch in anderen Regionen unseres Landes so. Nicht nur die Umsiedler hatten ein schweres Leben, sondern auch die alteingesessenen Einwohner. Man musste viel und mit voller Hingabe arbeiten. Maria scheute sich vor keiner Arbeit. Sie war an alles gewöhnt. Sie arbeitete als Melkerin, als Lagerarbeiterin im Haus der Invaliden, als Technikerin beim BMSSCH № 1. Die letzten Jahre war sie im Dienstleistungskombinat tätig, von wo aus sie dann in Rente ging. Seitdem sind für sie jene Kriegs- und Nachkriegszeiten schon in weite Ferne gerückt, viele Jahre sind vergangen. 1951 heiratete sie, zog vier Kinder groß und beerdigte ihren Ehemann. In ihrem Leben gab es viel Leid, aber auch viel Freude, so wie bei jedem Menschen. Aber mit Schmerz in der Seele erinnert sich Maria Andrejewna Gainz an jenen Güterzug und jenen eisigen Waggon, der Kilometer um Kilometer in Richtung des fernen Sibiriens ratterte und in ihrem Gedächtnis das kleine Heimatdorf im Gebiet Saratow zurückließ.

Auch jene fernen sechs Jahre, die sie in der Arbeitsarmee verbrachte, wo sie jeden Tag um ihr Überleben kämpfen musste, lassen ihre Erinnerung wieder aufleben.

Sie weiß das Leben zu schätzen und liebt es wie keine andere.

I. Kotschurowa.
„NEUE ZEIT“, № 47, 30.04.1996.
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