"Lass uns abschreiben, Faschistin"


Polina (Pauline) und Alexander Bauer in ihrer Jugend

Zu Beginn des großen vaterländischen Krieges ereignete sich im Lande eine der größten Massen-Deportationen von Wolga-Deutschen. Etwa 3 Millionen Menschen wurden in Gebiete hinter dem Ural ausgesiedelt. Allein in die Region Krasnojarsk wurden in den Jahren 19411943 77000 Deutsche deportiert. Alexander und Pauline Bauer hatten besonders viel Pech: sie gerieten in den Norden der Region, wo nur wenigen das Überleben gelang.

"Das Sonder-Kontingent haben sie einfach vergessen"

1941 wurden bei grimmigem Frost in der kleinen Siedlung Agapitowo, auf der Tajmyr-Halbinsel, Region Krasnojarsk, 500 deportierte Deutsche, Finnen und Letten abgeladen. Lange Zeit war man der Ansicht, dass sie alle umgekommen wären. Die Siedlung Agapitowo liegt weit abgelegen auf der Halbinsel Tajmyr, und sie ist die allerletzte Siedlung. Bis zu den nächsten bewohnten Orten ist es sehr weit, niemanden kann man um Hilfe bitten. Der Vorsitzende der krasnojarsker Memorial-Organisation, Aleksej Babij, war lange Zeit davon überzeugt, dass 1941 in Agapitowo keiner der Deportierten überlebte.

Doch einmal wandte sich eine Frau namens Polina (Pauline) Bauer an mich, erzählt Aleksej Babij. Sie war auf der Suche nach Informationen über ihren Vater, der 1941 zusammen mit der Familie aus dem Wolgagebiet deportiert wurde. Am Durchgangspunkt in Krasnojarsk verfrachteten sie ihn nicht auf Schiff, wie seine Ehefrau und die Kinder, sondern schickten ihn zum Arbeiten zum Holzeinschlag. Polina war zu der Zeit erst drei Jahre alt, danach sollte sie ihren Vater nie wiedersehen. Ich fragte, wohin denn Polina mit der Mutter geschickt worden sei. Sie antwortete: "Nach Agapitowo". Ich sagte: "Das kann nicht sein! Dort hat doch niemand überlebt".

Von den 500 Menschen haben mit größter Anstrengung lediglich 70 überlebt, berichtet Polina Bauer, mein Mann und ich waren auch unter ihnen wir haben überlebt. Er war damals 7 Jahre alt. Dort hatten wir uns natürlich noch nicht gekannt. Wir begegneten uns und heirateten erst später, in Igarka, wo sie all diejenigen hinbrachten, die noch am Leben waren. So hat uns das Leben aufgewickelt.

Es fiel schwer Polina Bauers Bericht zu glauben. In den Archiven des krasnojarsker Memorial existiert ein Tagebuch der Lettin Ruta Jankowitsch, die 1941 zusammen mit Mutter und Bruder in die Siedlung Ust-Chantaika im Bezirk Dudinka verschleppt wurde. Folgendes schrieb sie in ihr Tagebuch: "Drei Finnen kamen aus Igarka zurück und erzählten eine grausige Geschichte darüber, wie wir entlang des rechten Jenissei-Ufers in der Siedlung Agapitowo eine Zeltstadt sahen, wo an den Stangen und Unterlagen festgefrorene Menschen lagen, vor allem Frauen, Kinder und einige alte Leute. In den Zelten gab es weder Öfen, noch Brennholz, und überall nur Leichen".

Die Finnen berichteten, dass es ihnen trotzdem gelang, ein lebendes Skelett ausfindig zu machen, von dem sie erfuhren, dass in Agapitowo, kurz bevor der Jenissei vollständig zugefroren war, etwa 500 Personen mit einem Schiff dort abgeliefert wurden, vornehmlich Deutsche aus dem Wolgagebiet und dem Baltikum. Diesen Menschen stellte man lediglich Zelte zur Verfügung. "Als wir nach Igarka kamen, machten wir bei der dortigen Sonderkommandantur des NKW Mitteilung über das, was wir gesehen hatten. Aus der Unterhaltung verstanden wir, dass die Behörden das Sonderkontingent, welches in Agapitowo abgeliefert worden war, schlichtweg vergessen hatten. Vier Monate später, auf dem Rückweg, begegneten wir keiner einzigen lebenden Seele mehr", erinnerten sich die Finnen, über die Ruta Jankowitsch in ihrem Tagebuch geschrieben hatte.

Die ehemaligen Wolgadeutschen Alexander und Polina Bauer überlebten in jener Zeltstadt wie durch ein Wunder.

"Ihr braucht nichts mitnehmen, ihr werdet nicht lange fort sein"

Alexander Bauer erinnert sich, wie sie ihre ganze wolgadeutsche Familie 10 Personen 1941 aus dem Haus jagten, auf einen Leiterwagen steigen ließen und zur Bahnstation brachten.

Sie sagten: "Ihr braucht nichts mitnehmen, dort bekommt ihr alles, es ist ja nicht für lange Zeit nur so lange, bis der Krieg zu Ende ist", erinnert sich Alexander Bauer. Leicht bekleidet verließen wir das Haus. Am Bahnhof verluden sie uns auf Güterwaggons, mit dem sie sonst Vieh transportierten. Der Zug nahm den südlichen Abzweiger, über Alma-Ata, nach Krasnojarsk. Während wir unterwegs gewesen waren, hatte dort die Kälte eingesetzt, die Schifffahrt war eingestellt worden, und die Menschen wurden in verschiedenen Dörfern untergebracht. Im Sommer des folgenden Jahres versammelten sie alle wieder am Flussbahnhof und verluden sie auf den Dampfer "Josef Stalin".

Nach Alexanders Worten teilte man den Menschen nicht mit, wohin sie gebracht werden sollten. Es war lediglich bekannt, dass das Schiff gen Norden fahren würde. Es war völlig überfüllt und das setzte sich ganz besonders in der Erinnerung des damals siebenjährigen Jungen fest. Die Familie Bauer lag unten neben der Schiffstreppe. Von Zeit zu Zeit legte das Schiff an und setzte Menschen ab.

Nach ungefähr eineinhalb Wochen, am 15. September, waren wir an der Reihe. Es war ein ruhiger, klarer, sonniger Tag. Wir betraten das Ufer und stutzten. Keine Menschenseele war zu sehen. Eine Jagdhütte, in der ein Fischer namens Agapitow lebte, und ein Schuppen mit Tauwerk. Daher trug die Siedlung auch ihren Namen Agapitowo, erzählt Alexander Bauer. Mehrere hundert Menschen wurden abgeladen, man warf ihnen ein paar Säcke mit Graupen und Mehl zu. Es gab keine warmen Sachen, keine anderen Lebensmittel und kein Geschirr. Am nächsten Tag setzte Hochwasser ein, und die Säcke wurden alle durchweicht. Die Männer machten sich daran, Erd-Hütten auszuheben, aber der Boden war gefroren, mit dem Spaten kamen sie lediglich einen halben Meter tief ins Erdreich sie entfachten Lagerfeuer an. Irgendwo gruben sie einen fünf Meter tiefen und 100 Meter langen Graben. Und das war dann auch unser erstes Zuhause. Drinnen wurden große Fässer mit Rohren, die nach außen führten, aufgestellt. Die wurden eingeheizt, damit man sich aufwärmen konnte. Strom gab es nicht, nur Kienspane.


Deutsche im Taimyr-Gebiet

Wenn man Ihnen keine Lebensmittel dort gelassen hat was haben Sie denn dann gegessen?

Wir kochten Wassersuppe mit Mehl. Wir sammelten Wurzeln und Beeren. Aber die Menschen fingen sehr schnell an zu sterben erst an Skorbut, später an Hunger. Von unserer Familie waren 1945 nur noch die Mama und ich übrig. Drei Tanten kamen gleich durch giftige Pflanzen zu Tode, die Ähnlichkeit mit Mohrrüben hatten. Sie waren zum Ufer des Sees gegangen, hatten s8ie ausgegraben und zu viel davon gegessen; dort fand man sie tot. Die übrigen gingen nach und nach in die andere Welt hinüber, hatten zum Schluss schwere Hungerödeme. Ich weiß noch, wie der Onkel starb. Er rief die Großmutter: "Mama, kommt her". Sie: "Gleich, mein Söhnchen". Als sie herantrat, lag er bereits unbeweglich da. Und bis heute ertönt dieses Wort "gleich" in meinem Kopf. Mama sagte später immer wieder: "Sagt niemals "gleich". Wenn man euch ruft, dann geht sofort hin". Bis heute lasse ich sofort alles liegen und gehe hin, wenn jemand in der Familie nach mir ruft. Die Toten wurden nicht bestattet; man zog sie aus der Erd-Hütte nach draußen, hob eine kleine Grube aus: eine Schicht Tote, eine Lage Zweige, die nächste Schicht... Später kamen Vielfraße und Hunde, welche die Leichen in Stücke rissen.

Wie ist es Ihnen gelungen zu überleben?

-Im Frühjahr tauchten Gimpel auf. Eine Köstlichkeit mit einer dicken Fettschicht. So konnte ich Mama und mich wenigstens ein bisschen ernähren. Mich rettete der Umstand, dass ich dem ortsansässigen Jäger Agapitow auf Anhieb gefiel. Und im zweiten Jahr unseres Lebens in jener Gegend brachte er mir bei, wie man Hasen und Rebhühner jagt; es gab dort so viele, dass man sie nicht zählen konnte. Später lernten wir, wie man Tannenzweige dämpft; die bewahrten uns dann vor Skorbut.

Wie viele Jahre haben sie in Agapitowo gelebt? Wie ist Ihr Leben dort bis zur Rehabilitation zurechtgekommen?

Im dritten Jahr schickten sie uns eine Lehrerin nach Agapitowo und organisierten dort einen Schulbetrieb. Sie war eine junge Russin, aber wir Deutsche, Letten, Esten; wir verstanden kein Russisch. Sie versammelte uns zum ersten Mal, schrieb Buchstaben an die Tafel und versuchte, uns etwas zu erklären. Und wir schwiegen. Sie erriet, dass wir nichts verstanden und fing an zu weinen. Als Reaktion darauf begannen wir ebenfalls zu heulen. Und so kam auch keine Unterrichtsstunde zustande. Am zweiten Tag schrieb sie die Buchstaben: , , u und sang sie. Wir begriffen. So unterrichtete sie uns bis zur vierten Klasse. Danach, im Jahre 1948 schickte man mich nach Igarka ins Internat. Aber Mama blieb bis 1956 in Agapitowo, bis wir rehabilitiert wurden.


Deutsche im Taimyr-Gebiet

In Igarka befand sich hinter dem Gebäude, in dem wir zur Schule gingen, die Kommandantur, wo wir uns einmal im Monat melden mussten. Und jedes Mal begegneten sie uns dort mit den Worten: "Na sieh mal, an da kommen sie ja, die Faschisten". "Habt Geduld, Kinder, beruhigten uns die Erzieher, bald wird sich alles ändern".

Doch auch nach der Rehabilitation benahm man sich uns gegenüber sehr hässlich. Mit 18 begab ich mich zum Kriegskommissariat, ich arbeitete bereits, und man schätzte mich dort sehr. Ich wollte meinen Wehrdienst ableisten, aber sie sagten mir: "Das gehört sich für dich nicht, du bist ein Volksfeind".

Später berief man mich erneut ins Kriegskommissariat und teilte mir mit, dass ich inzwischen kein Volksfeind mehr sei und es an der Zeit wäre, meine Pflicht gegenüber dem Vaterland zu erfüllen. Und dann schickten sie mich nach Tschukotka. Das war doch reiner Hohn: wieder ab in den Norden.
"Sie spuckten ins Kochgeschirr"

Polina Bauer weiß über jene tragischen Ereignisse mehr aus den Erinnerungen der Verwandten, denn zur Zeit der Verbannung war sie gerade erst drei Jahre alt.


Polina Bauer in ihrer Jugend

Wir lebten in Krasnoarmejsk (früher hieß die Ortschaft auf Deutsch Balzer). Im Sommer 1941 wurde unsere Familie (Mama, Papa, Oma, Opa, der Onkel, mich und das einjährige Schwesterchen) in einen Zug verfrachtet und nach Sibirien abtransportiert. Mama war mit dem dritten Kind schwanger. Uns sagten sie auch, dass wir nicht lange fortbleiben würden. Wir hatten nur das mit, was wir auf dem Leib trugen, leichte Kleidung, denn es war ja Sommer. Ich weiß noch, dass Mama sogar noch die Fußböden im Haus scheuerte und die Blumen abspritze, um alles sauber und ordentlich zu hinterlassen. Wir fuhren in Güterwaggons, schliefen auf dem Boden; und die Fahrt dauerte sehr lange, daran kann ich mich selbst noch erinnern. Es gab nichts zu essen, wenn der Zug hielt, lief Papa los, um irgendetwas zu besorgen. Ich erinnere mich, dass er in Alma-Ata ausstieg und uns rote, duftende Äpfel mitbrachte. An den Haltestellen wurden die Waggontüren geöffnet und wir Kinder saßen wie Spatzen auf der Stange und ließen die Beine baumeln.

Was erinnern Sie vom Leben in Sibirien?

In der Region Krasnojarsk teilten sie uns für die Ortschaft Chaidak ein, wo wir bei Ortsansässigen unterkamen dort lebten Esten. Papa schickten sie zum Holzeinschlag. Der Onkel und Großvater hatten offene Tuberkulose, deswegen wurden sie zum Arbeiten nicht genommen. In Chaidak lebten wir den ganzen Winter über. Wir kannten ihre Sprache nicht und sie unsere auch nicht; wir verständigten uns untereinander so gut es ging. Sie verhielten sich uns gegenüber gut. Sie melken die Kuh und rufen zu mir herüber: "Komm her, Milch trinken". Ich verstand, lief zu ihnen und trank Milch. Am 25. April brachte Mama einen Jungen zur Welt; er war sehr groß und wog 6 kg, obwohl Mama eine ganz kleine Frau war.


Polinas Mutter vor der Verbannung nach Sibirien

Später schickten sie Mama mit den drei kleinen Kindern auf dem Jenissei nach Agapitowo, wo sie ein graues Hungerdasein führten. Drei Jahre saßen wir Kinder in einer Erd-Hütte auf Pritschen, ohne ein einziges Mal nach oben zu kommen. Es herrschten schreckliche Fröste, und wir hatten nichts zum Anziehen. In der Hütte gab es nur ein winziges Fensterchen, daraus scheuten wir in den Himmel. Jeden Tag ging Mama, nach der Geburt geschwächt, zum Bäume fällen, und nur die Großmama blieb mit uns zurück. Das Brüderchen starb fast sofort, denn Mama hatte nichts, um es zu füttern. Nach einiger Zeit war ich ganz und gar mit Furunkeln übersät, es gab keine einzige heile Stelle mehr an meinem Körper, die Narben davon habe ich heute noch. Alle Kinder waren voller Läuse, wir hatten noch nicht einmal eine Vorstellung davon, was es bedeutet, sich waschen zu können.

Wie schafften Sie und Ihre Schwester es zu überleben?

Nach zwei Jahren verlegten sie uns von Agapitowo nach Nossowaja eine Siedlung, in der normale Häuser standen. Wir wohnten im Badehaus. Und einmal pro Woche, am Samstag, wenn die Hauswirte sich waschen mussten, gingen wir nach draußen, und wenn sie fertig waren, kehrten wir in den vollkommen feuchten Raum zurück. Dort fühlten wir uns schon ganz gut, die Leute hatten Kartoffeln. Mama ging los und sammelte die Schalen ein, und dann buk sie sie auf dem Ofen. Die waren unheimlich lecker. Und dann half uns der Zufall weiter. Der Großvater war ein Meister der Lederverarbeitung. Und im dritten Jahr holten sie unsere ganze Familie nach Igarka dorthin brachte man Vieh zur Weiterverarbeitung. Nur dank dieses Umstandes blieben Mama, meine Schwester, der Großpapa und ich am Leben.


Deutsche im Taimyr-Gebiet

Wie verhielten sich die Ortsansässigen Ihnen gegenüber?

Sie mochten uns nicht und bezeichneten uns als Faschisten. Oma kochte draußen im Kessel eine Suppe aus Brot, Zwiebeln und Kwass und gab jedem von uns eine Konservendose voll Geschirr besaßen wir nicht; etwas Heißes zu essen das hast du sofort genommen. Aber die russischen Kinder liefen um uns herum und spuckten in den Kochkessel. Was sollten wir machen wir gossen es nicht weg, sondern aßen. In Igarka konnte ich wegen der Furunkel noch ein weiteres Jahr nicht zur Schule gehen, sie bluteten, und die Kleidung klebte an der Haut fest. Und auch als sie endlich verkrustet waren und ganz weggingen, gab es wenig Angenehmes. Ich weiß noch, wie ich im Unterricht sitze und der Junge hinter mir die ganze Zeit mit einer spitzen Feder in den Rücken piekst, aber ich habe Angst mich zu beschweren. Wir galten als Niemand für die Ortsbewohner. Ich lernte nicht schlecht, und deswegen riefen alle: "Lass mich abschreiben, Faschistin!" Als ich ein wenig älter war, hatte ich nur eines im Kopf: ich werde niemals einen Russen heiraten. Denn viele Verängstigte bei uns taten das, um ihren Nachnamen zu ändern. Aber ich habe einen anderen Charakter: ich dachte, so wie ich bin, gekränkt und erniedrigt, so werde ich auch mein Leben lang bleiben.

Wie haben Sie Ihren zukünftigen Ehemann kennengelernt?

Unsere Bekanntschaft war reiner Zufall. 1964 sind wir uns auf der Hochzeit von Bekannten begegnet. Er hat mich nur gesehen und gleich gesagt, dass ich seine zukünftige Ehefrau sein würde. Natürlich war ich empört, aber wir behielten Kontakt. Und wir stellten fest, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben würden. Der Eine konnte ohne den Anderen nicht mehr auskommen.

Hatten Sie irgendwann den Gedanken, nach der Rehabilitation wieder in die Heimat zurückzukehren?

Als unsere Töchter geboren waren, wollten wir nach Hause fahren, beantragten sogar die Dokumente dafür. Aber man ließ uns nicht: trotz der Rehabilitierung durften wir nicht in unsere historische Heimat zurück. In jede beliebige andere Region ja, aber nicht nach Hause. Später, als die Grenzen geöffnet wurden, reisten viele von uns nach Deutschland aus. Auch wir trugen uns mit dem Gedanken, aber ich bin in Russland geboren, habe hier so viel erlebt dies ist meine historische Heimat. Ja, hier sind wir Faschisten, aber auch dort wären wir Fremde. Deswegen beschlossen wir hier zu bleiben.


Alexander und Polina Bauer mit ihren Töchtern

Haben Sie nach der Rehabilitierung wenigstens eine Kompensation vom Staat erhalten?

Mein Onkel bemühte sich bereits in den 70er Jahren lange darum, und man zahlte ihm 10 000 Rubel aus, denn das Haus war auf seinen Namen eingetragen gewesen. Er teilte dieses Geld unter den Familienmitgliedern auf, die damals noch am Leben waren. Aber das war nur eine Handvoll Kopeken.

Nach der Rehabilitierung war Polina Emanuilowna ihr ganzes Leben als Buchhalterin im Igarsker Holzkombinat tätig, Alexander Jakowlewitsch arbeitete dort als Schlosser, Drechsler und Werkstattleiter, später sogar als Direktor des Kraftwerks in Igarka. 1995 gingen sie in Rente und flogen am selben Tag von Igarka nach Krasnojarsk zu den Töchtern, wo sie sich für immer niederließen. Polina Bauer ist heute 79 Jahre alt, Alexander Bauer 83. Sie leben in einer Zweizimmerwohnung in Krasnojarsk, kümmern sich um die Datscha bauen Gemüse an. Sie haben zwei Töchter und vier Enkelkinder.


Alexander und Polina Bauer 2017

Sie haben Ihr ganzes Leben in Sibirien verbracht; meinen Sie, dass Sie endlich hier dazugehören?
Nein, das ist nicht so. Die nationale Feindschaft, die wir damals empfanden, existiert auch heute noch. Vor kurzem erst stritt ich mit einer Nachbarin über die Datscha, und sie meinte zu mir: "Wenn es Ihnen nicht passt, fahren Sie doch nach Deutschland". Hier in Sibirien habe ich noch sehr lange vom Elternhaus geträumt. Nein, ich wollte dorthin nicht zurückkehren, aber im Traum erschien es mir immer wieder. Und 1974 beschlossen mein Mann und ich, in meine Heimat zu reisen. Adresse: Fabritschnaja 35, das wusste ich auswendig. Wir fragten Passanten, gingen dorthin. Ich sah das Häuschen, und es war, als hätte ich es erst gestern verlassen. Draußen die lange Sommer-Küche, der Ofen mitten im Zimmer den hatte noch mein Großvater gesetzt. Alles war so geblieben. Mein Mann fotografierte mich zur Erinnerung vor dem Haus, und am selben Tag reisten wir wieder ab. Danach habe ich nie mehr davon geträumt.


Das Haus in der Stadt Balzer, aus dem Polina deportiert wurde

Im Großen und Ganzen sind wir hier in Sibirien Fremde geblieben. Das wird wohl auch nicht aufhören, bis wir im Grab liegen. Vielleicht wird es für unsere Kinder leichter, sie haben ihre Nachnamen bereits in russische geändert.

Swetlana Chustik
Sibirien.Realien, 21.12.2017


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