Die unabhängige Republik Janow-Stan

Diesen Punkt, lieber Leser, findest du auf keiner geografischen Karte. Janow Stan ist weder eine Stadt, noch ein Dorf oder sonst irgendeine Ortschaft. So heißt eine winzige Ansiedlung am Fluß Turuchan, 42 Meter über dem Meeresspiegel gelegen und 70 Kilometer vom Polarkreis entfernt. Hier spürt man selbst im Juli den Atem der Arktis.

Unsere Expedition verließ den Kutter in Richtung Ufer nur für ein paar Stunden, aber irgendwie ist eine kurze Begegnung mit den Ortsbewohnern ganz besonders im Gedächtnis haften geblieben.

Ein taubstummes, halbwüchsiges Mädchen namens Polina, die wußte, daß Menschen in ihrer Taiga angekommen waren, war auf die höchste Anhöhe hinaufgeklettert, um dort geduldig auf die Gäste zu warten. Mit ihren 12 Jahren geht sie nicht zur Schule, sondern pflegt mehr den Umgang mit der wilden Natur. Hunde, Vögel, Bäume „verstehen“ sie einfach durch die Sprache ihrer Augen, durch die feinen Nuancen ihres Mundes, ihrer Gebärden und der abgehackten Töne, die sie hervorbringt. Hierher hat die Mutter sie diesen Winter aus der kleinen Kate am See gebracht.

Die junge Selkupin Galina (ihren Nachnamen nannte sie uns nicht) ist Mutter von sechs Kindern. Die beiden jüngsten sind die sechsjährigen Zwillinge Igor und Iwan, und auch Polina lebt mit in ihrer „Wirtschaft“; die anderen lernen im Farkowsker Internat. Und was haben sie für eine „Wirtschaft“ – die Ureinwohner? Ein Boot, ein paar Netze, ein Schneefahrzeug, ein Gewehr – und das gilt auch nur für die Wohlhabendsten unter ihnen. Die kleinen, hier fest verwurzelten Völker mögen nicht gern Gemüse anbauen und sich ein dauerhaftes Alltagsleben einrichten; sie streben vielmehr nach irgendeiner mystischen Freiheit, einer Harmonie mit Himmel, Wasser und Erde. Die Naturelemente verleihen den Ewenken, Selkupen und Keten unerhörte Kräfte. Galja kam nicht nur nach Janow Stan, weil „es im Wald so furchtbar schwer ist zu leben“, sondern weil sie sich in einen Mann mit angenehmem Äußeren, den einzigen Junggesellen im Radius von hunderten von Kilometern, verliebt hat, den örtlichen Leiter der Wetterstation – Jurij Kortschagin.

Jurij Borisowitsch hatte nicht lange überlegt und auch ihr seine Zuneigung zu verstehen gegeben. Seine Familie hat er bereits in jungen Jahren verloren, obwohl er mit den Kindern noch in Kontakt steht; und eine andere Braut gibt es in dieser Gegend nicht.

Jurij ist ein Bursche der Marine. Er wurde in Taischet, Gebiet Irkutsk, geboren und beendete im Regionszentrum die Fachschule für Binnenschifffahrt. Er trieb sich auf Schiffen herum, welche die Route Krasnojarsk – Dudunka, Dudinka – Krasnojarsk befuhren, hatte jedoch nach seinen eigenen Worten keine Möglichkeit, durch das Gras, den Schnee zu laufen, sich an die jahrhundertealten Bäume zu schmiegen, sich mit frischem Quellwasser zu waschen ... . Obwohl Yuriy seiner seelischen Verfassung nach nicht einfach nur ein kontemplativer Mensch ist, hat er doch so etwas von einem „übriggebliebenen“ Romantiker. Selbst nachdem er sich an der technischen Hochschule eingeschrieben und dort drei Jahre studiert hatte, gab er auf und begab sich in aller Eile in die Tiefen der Taiga.

Neun Jahre sind vergangenen, seit er der meteorologischen Station vorstand und sich völlig unerwartet ins Gebiet Tjumen aufmachte. Böse Zungen behaupten, daß der Leiter der Station wohl noch irgendeine Schuld zu begleichen hatte und einfach die Zeit gekommen war, um ihn zu liquidieren. Die Verjährungsfrist war verstrichen.

Galja weiß nichts von dem ihr bevorstehenden Verlust; ich kann mir vorstellen, wie sie leiden wird. Die Eifersucht gegenüber dem geliebten Mann gestattete es ihr nicht einmal, die für diese Taigagegenden heiligen Richtlinien der Gastfreundschaft einzuhalten. Und als wir auf Jurijs Einladung hin zum Hauseingang kamen, stellte sich sehr schnell heraus, daß wir das Risiko eingingen, mit kochendem Wasser übergossen zu werden. Von Galja bekam nicht nur ich etwas ab, sondern auch der ganz harmlos in der Ecke stehende Wladimir Pawlowskij. Warum lächelte er auch so?

Nach allem zu urteilen werden die hiesigen rauhen Sitten nur von Ankömmlinge als rauh empfunden. Die Einwohner von Janow Stan gehen freundlich miteinander um und halten zusammen. Sie wissen nur zu gut, daß sie als Einzelgänger nicht überleben können.

Eines der großen Häuser ist in Arbeits- und Wohnräume aufgeteilt. Ein hübsches Aushängeschild, welches anzeigt, daß sich hier die meteorologische Station von Jurij Kortschagin befindet, hat er aus seinen geheimen Fächern ausgegraben und ausschließlich auf unser Bitten hin aufgehängt, unter dem Vorwand, ein Erinnerungsfoto machen zu wollen.

Fünf Leute gehören zu Kortschagins Personalbestand (obwohl zwanzig dort wohnen). Ober-Technikerin ist Tatjana Aleksandrowna Kondratjewa – eine erfahrene Spezialistin, zu deren Aufgaben es gehört, zweimal am Tag - um 0 Uhr und um 8 Uhr morgens – Informationen über Niederschläge, Bewölkung, Luftdruck und Windverhältnisse zu übermitteln.

Tatjana ist aus Chakassien hierher umgezogen, war jedoch zuvor in der Wetterstation in Sowjetskaja Retschka tätig. Drei Selkupensöhne wohnen auch noch in der Ewenkensiedlung. Iwan ist in die Fußstapfen der Eltern getreten und arbeitet in der meteorologischen station, Kostja ist Fachmann für Dieselmotoren, Michail – Hydrologe. Schenja ist Ihnen, lieber Leser, und mir als „Reiseführer“ an der Stalin-Eisenbahnlinie bekannt; er lernt und lebt in Farkowo. Die Kleinen, Sascha und Wowa (aus zweiter Ehe) – sind fest verwurzelte Einwohner von Janow Stan.

Wjatscheslaw Litwinow, Tatjanas jetziger Ehemann, ist Alteingesessener von Janow Stan. Er „stand auf seinem Posten“ und erfüllte seine Pflichten in all den Jahren der Existenz dieser Wetterstation, als die Region nicht das Geld besaß, den Wetterdienst aufrecht zu erhalten, obwohl die Geschichte dieser Station bereits mehr als ein halbes Jahrhundert zählt. Die Möglichkeit, atmosphärische Schwankungen an diesen Orten zu analysieren, wurde von unseren Moskauer Gelehrten, die sich mit dem Studium des Zustandes der großen Nördlichen Magistrale beschäftigten, hoch bewertet. Ein paar „geheime“ Seiten, die aus dem meteorologischen Bericht herausgerissen wurden, nahmen sie als „Kostbarkeit“ mit nach Moskau.

Bei der Familie Arkadjew-Petrutschen aus Goroschicha handelt es sich um Verwandte der Kondratjew-Litwinows. Aber selbst wenn dies nicht so wäre, würden sie denen nahestehen, mit denen sie in unmittelbarer Nachbarschaft leben. Um den Sinn dieser Worte zu verstehen, reicht es vollkommen aus, einen einzigen Winter hier zu verbringen, wenn hinter dem Fenster drohend der Frost lauert, der Wind langgezogen heult und überall die hungrigen Wölfe umherschleichen.

Für den langen, langen Winter bevorraten die Einwohner von Janow Stan sich mit Eingesalzenem und ... mit Videokassetten. Die Frauen sitzen bei ihren Näh- und Stickarbeiten. Die Männer gehen zur Jagd.

Und im Sommer gibt es keine Zeit für das Aufkommen von Langeweile. Im Wald reifen die Beeren und Pilze heran. Die Hauptzeit für den Fischfang beginnt. Kutter legen am Ufer an – sie bringen Lebensmittel und Post. Man kann nach Turuchansk und Krasnojarsk fahren, aber selbst Jurij Borisowitsch, der in der Regionshauptstadt noch einen Sohn wohnen hat, verläßt die Station nicht oft.

Eine große Siedlung, eine große Stadt lasten auf dem Waldmenschen und bedrücken ihn viel stärker, als tausend Kilometer Taiga, Stille und die Furcht vor dem Unbekannten.

Keiner der Bewohner dieser „unabhängigen Republik Janow Stan“ (außer dem Leiter) möchte von hier weg. Sie warten auf Besucher, die zu ihnen kommen. Dieses Frühjahr haben sie auf den Gouverneur gewartet. Aber er kam nicht. Aber das macht nichts; die Menschen hier sind geduldig, sie warten und hoffen. Wenn sich nur das Wetter nicht verschlechtert, sagen sie. Und damit meinen sie auch die politische Wetterlage.

(Fortsetzung folgt)

Tatjana MAKOGONOWA.
Fotos: Aleksander KUSNEZOW

„Krasnojarsker Arbeiter“, 13.08.2005


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