Zertretene Kindheit

Ministerium für Bildung und Wissenschaft der Russischen Föderation
Bildungsbehörde der Leninsker Bezirksverwaltung
Allgemeinbildende Mittelschule N° 64

DER MENSCH IN DER GESCHICHTE : RUSSLAND – 20. JAHRHUNDERT

Autorin: Elvira Marselewna Achmetschina
Schülerin der 10. Klasse in der städtischen Bildungseinrichtung der allgemeinbildenden Mittelschule N° 64

Projektleiterin: Irina Wladimirowna Kuprjakowa
Geschichtslehrerin in der städtischen Bildungseinrichtung der allgemeinbildenden Mittelschule N° 64

Krasnojarsk 2009

Inhaltsverzeichnins

Einleitung
Kapitel I. Repressionen im Sowjetstaat
1.1. Wie alles begann
1.2. Der Rechtsstatus von Kindern repressierter Eltern
Kapitel II. Das Leben der Kindern von repressierten und deportierten Eltern
2.1. „GULAG“
2.2. Das Leben der Kinder von Sondersiedlern
2.3. Schul- und Berufsausbildung
2.4. Das Verhältnis zu den Ortsansässigen
2.5. Die Wahrnehmung der Realität durch die Kinder selbst
Kapitel III. Das weitere Schicksal
Schlußbemerkung
Bibliographischer Anhang
Anhänge 1-23

Einleitung

Das Thema der Repressionen ist ein nicht wegzudenkender Teil der Geschichte unseres Staates und eine ihrer schwerwiegendsten Seiten überhaupt. Heute gehört es zu einem der meist diskutierten Themen. Vieles wurde darüber geschrieben, aber wie Historiker und Mitarbeiter der „Memorial“-Gesellschaft bekräftigen, hat nie jemand zu irgendeinem Zeitpunkt die Frage gestellt: wie verlief den eigentlich das Leben der Kinder, deren Eltern repressiert wurden, und die, gemeinsam mit den Erwachsenen, alle „Höllenqualen“ miterlebten. Aber wenn die Erwachsenen auch einen gewissen Kräftevorrat besaßen – wie stand es dann wohl um die Kinder? Säuglinge, Minderjährige, die zusammen mit ihren Eltern gezwungen waren, unter unmenschlichen Bedingungen ihr Dasein zu fristen, an denen häufig gerade die kräftigen Leute, die aber zuvor schon ein hartes Leben durchgemacht hatten, zerbrachen.

Unserer Ansicht nach ist es Zeit sich dem Thema zuzuwenden, wie die Kinder repressierter Eltern lebten und überlebten, denn gerade sie wurden ja die Nachfolgeneration von Bürgern unseres Landes, von denen viele später gegen die Faschisten kämpften und ihre Heimat verteidigten, das zerstörte Land wieder aufbauten, lebten, arbeiteten und Kinder in einem Staat großzogen, der mit ihnen derart roh, um nicht zu sagen grausam, umgegangen war.

Meine Arbeit trägt den Titel „Zertretene Kindheit“. Ich versuche darin, die Schicksale ganz konkreter Menschen anhand von Dokumenten- und Archivmaterial zu enthüllen – Menschen, die als Kinder den Stempel des „Volksfeindes“ aufgedrückt bekamen.

Ziel der Arbeit:
der Versuch, ein vollständiges Bild des Lebens von Kindern repressierter Eltern zu schaffen.

Aufgabenstellung:
1. Studium von Archivdokumenten des Krasnojarsker Heimatkunde-Museums und der
Krasnojarsker „Memorial“-Filiale.
2. Interviews mit Kindern ehemaliger repressierter Eltern
3. Studium der zahlreichischen graphischen Darstellungen von Mitarbeitern des Krasnojarsker Heimatkunde-Museums, die sich mit dem Thema „Repressionen“ auseinandersetzen.

Die Neuartigkeit der Arbeit besteht darin, dass sie den ersten Versuch eines komplexen Studiums am vorliegenden Thema darstellt, denn es stellte sich heraus, dass es bereits eine Unmenge Literatur über Repressionen im allgemeinen gibt, nicht jedoch über das Leben der Kinder von Repressierten; diese Thematik wurde in einem nur sehr begrenzten Umfang erwähnt oder meist gar nicht bewertet.

Methoden unserer Forschungsarbeit:

• Studium von Archivmaterial
• Interviews

Die Aktualität der vorliegenden Forschungsarbeit: in der Geschichte Rußlands ist das Thema „Repressionen“ gewichtig und mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden. Heute finden sich immer mehr Leute, die, wenn sie die Repressionen auch nicht unbedingt rechtfertigen, doch zumindest versuchen, die scharfen Ecken und Kanten irgendwie glattzubügeln. Aber wenn man die Unterdrückung erwachsener Staatsbürger seines Landes vielleicht noch mit politischen Motiven erklären kann, so hat die Staatsmacht immer noch keine Berechtigung, unschuldige Kinder zu solchen Leiden zu verdammen. In unserer Stadt gibt es ein bemerkenswertes Denkmal für Kinder, die den Großen Vaterländischen Krieg überlebt haben. Und wir finden, dass es in unserer Stadt ebenso ein Denkmal für die Kinder der Repressierten geben sollte, die gemeinsam mit ihren erwachsenen Eltern die Leiden, die das Schicksal für sie bereitstellte, erduldeten. Darin sehen wir die axiologische Zusammensetzung unserer Arbeit. Vergessen oder Beschönigen der Vergangenheit führt zur Wiederholung solcher Verbrechen – sowohl in der Gegenwart, als auch in der Zukunft.

Kapitel I. Repressionen im Sowjetstaat

1.1. Wie alles begann

„Repressionen – eine langwierige grausame Tragödie,
die Millionen Familien zerstörte und auseinanderriß,
unermeßliche Leiden und der Untergang
völlig unschuldiger Menschen, verwaiste Kindheit“.
Semjon Wilenskij, Vorsitzender der Moskauer
Gesellschaft „Wiederkehr“ für Geschichte und Literatur“ [3, S.9]

Repressionen – eine der schrecklichsten Seiten in der Geschichte des Sowjetstaates. Die Repressionen beginnen mit den ersten Tagen der Sowjetmacht. Im Oktober 1919 wurde in Solowki ein Lager gegründet, in das Menschen mit anderen politischen Ansichten gebracht wurden: Sozialrevolutionäre und Menschewiken. [Anhang 1]

Theoretisch baute die Strafpolitik der Bolchewiken in den ersten Jahren der Sowjetmacht auf Abgrenzung der Vertreter der werktätigen Masse von Rechtsverletzern, über die äußerst milde Strafen verhängt wurden, und klassenfeindlichen Elementen, die keinerlei Nachsicht verdienten.

Die Politik der Bolschewiken führte zur Zerstörung der ihnen sozial fremden Familien, zur Trennung der Kinder von ihren Eltern, damit diese Kinder eine „richtige“ kollektivistische Erziehung erhielten. Praktisch gerieten die verwaisten, hungrigen Kinder aus den zerstörten, sittlich-moralisch gesunden Familien, die wegen ihres Vagabunden- und Diebes-Daseins, Aufsammeln von ein paar Ähren, Flucht aus den Fabrik- und Werksfachschulen, Zuspätkommens zur Arbeit, wegen eines Wortes der Wahrheit, das als antisowjetische Agitation gewertet wurde, verurteilt worden waren, in die Macht ungebildeter, unwissender und durchtriebener „Erzieher“, die das Denunziantentum und den Kult der Macht nur noch förderten. [Anhang 3]. Natürlich war all das von propagandistischer Rhetorik begleitet. Die wehr- und schutzlosen Kinder wurden nicht nur von ihren „Erziehern“, sondern auch von den Kriminellen verhöhnt und verspottet. Darüber, dass es sich in der Regel tatsächlich genau so verhielt, zeugen noch zu veröffentlichende Erinnerungen von Menschen, die solche Kindersammelstellen, Kinderheime und –kolonien durchlaufen haben, aber auch die Registrierungen der GULAG-Prüfkommissionen. [3, S. 13].

Nachfolgendes schrieb M.I. Nikolajew in seinem autobiographischen Roman „Das Kinderheim“. Er kam im Alter von 5 Jahren ins Kinderheim, im Anschluß an die Verhaftung der Eltern.

Irgendwie hatte er sich im Kinderheim etwas zuschulden kommen lassen; jedenfalls trat die Erzieherin auf ihn zu und sagte mit boshaftemBlick: „Oh, du Scheusal! Du bist genau so einer, wie deine Eltern – ein Feind des Volkes! Man hätte dich genau so erschießen sollen wie sie“.[1]

Seit langem ist zu beobachten, dass es offenbar kein halten gibt, jemanden im Namen einer Sache zu bestrafen, wenn man ihn schon nicht wegen einer Sache bestrafen kann. Nachdem die Bolschewiken an die Macht gekommen waren, warfen sie ein Auge auf die Kinder aus den ihnen sozial fremden Gesellschaftsschichten, als wären sie politische Gegner. Sie nahmen sie als Geiseln, quälten und töteten sie [Anhang 2]. „Zum Wohl und Glück der Werktätigen“ nahmen sie sie als Geiseln und vernichteten ganze Familien, unter ihnen sogar Säuglinge. [9, S. 9]

Danach folfte die Massenverbannung der Bauern. Diese „Bauernpest“ fiel Anfang 1930 über unsere Region her: sowohl in Form von Verbanntenströmen aus anderen Regionen, als auch in Gestalt von Deportationen unterschiedlicher Größenordnung (sowohl Massenverschleppungen, als auch vereinzelte), die innerhalb der Region, aber auch außerhalb ihrer Grenzen stattfanden.

Die Verbannung trug in der UdSSR die offizielle Bezeichnung „Kulakenverbannung“, die Verbannten selbst wurden „Kulaken“ (Großbauern; Anm. d. Übers.) genannt. Obwohl es in Wirklichkeit in den 1920er Jahren schon längst keine Kulaken (Landwucherer) mehr gab. Aber die Kommunisten erklärten immer noch Bauern zu „Kulaken“ und taten in grausmaer Weise ihren Haß gegenüber allen Bauern kund (übrigens nicht nur Bauern), die in der Lage waren, sich und ihre Familien mit der eigenen Hände Arbeit zu ernähren, ohne „Unterstützung“ der Behörden.

Als „Rechtsgrundlage“ für die Repressionen diente der Befehl der OGPU N° 44/21 vom 02.02.1930 [Anhang 20], wenngleich die Massenrepressionen bereits 1929 begonnen hatten [S. 18]

Die Entkulakisierung nahm hunderttausenden von Kindern das Leben. „.... so gebar meine Mutter zwischen 1900 und 1923 insgesamt 12 Kinder. Ich wurde 1920 geboren, und nach mir noch ein Zwillingspaar, aber die beiden starben kurze Zeit später. Von 12 Kindern konnten nur 7 großgezogen werden, die anderen starben nach und nach aus unterschiedlichen Gründen“, - erinnert sich G.D. Werschbizkaja.

Und 1937-1938 kamen auch die Famioien an die Reihe, die sich noch kurz zuvor für Stützpfeiler der bolchewistischen Macht gehalten hatten, - gewöhnliche Kommunisten und Angehörige der Nomenklatura, die zu Volksfeinden erklärt wurden [Anhang 3].
Ihre Frauen und Kinder wurden auseinandergerissen und in Lager und Kolonien gesteckt. Davon zeugt der „Operative Befehl N° 00486 des Volkskommissars für innere Angelegenheiten der Sowjetunion vom 15. August 1937 [3, S. 276]. Und die Familienväter wurden meist erschossen. Es wurden nicht nur einzelne Personen zu Feinden des Volkes erklärt, sondern auch ganze Völker. Sie wurden deportiert, und erneut starben Kinder, die entgegen allen göttlichen und menschlichen Gesetzen die Verantwortung für die Sünden ihrer Väter tragen sollten.

Aus den Erinnerungen von Marina Fjodorowna Iwantschina: „Das ganzearme Volk litt Hunger, nur die Reiechn hungerten nicht, aber zu denen gab es keinen Zugang. Eine Frau, man nannte sie Tanze Dusja, an den Nachnamen kann ich mich nicht mehr erinnern, schlug uns vor betteln zu gehen. Meine Brüder lehnten das rundweg ab, und mich ließen sie auch nicht fortgehen, aber ich wagte es trotzdem. Tante Dusja führte mich durch das Dorf und zeigte mir, zu welchen Häusern ich gehen sollte. Die Leute gaben mir etwas, aber ich war ja nicht die Einzige, die betteln ging, denn es gab genügend arme Leute.“ [1]

Natürlich fanden sich ehrliche Menschen, die ein Gewissen besaßen und nicht ruhig und gleichgültig zusehen konnten, wie die Kinder litten und starben. Es gibt nicht wenige solcher Beispiele, aber für gewöhnlich erlitten Fürsprecher das gleiche Los wie jene, für die sie versucht hatten sich einzusetzen: „...einer der Männer versuchte sich für uns einzusetzen, und man ließ uns in Ruhe, aber wenige Tage später wurden er und noch ein paar andere festgenommen...“, - erinnert sich M.F. Wasiljewa. [1]

Wir haben versucht, anhand von Beispielen eine Klassifizierung der Gründe aufzustellen, nach denen unschuldige Kinder in Verbannungsorte und Lager gerieten:

1. Kinder von Entkulakisierten, sogenannte „Kulaken“;

2. Kinder von Repressierten;
- Kinder aus Ehen repressierter Eltern, die vor der Verfolgung der Eltern geboren wurden;
- Kinder, die bereits am Ort des Freiheitsentzuges (im Lager) geboren wurden;
- Kinder von repressierten Eltern, die jedoch an diesem Zustand aus dem einen oder anderen Grunde nicht zu leiden hatten;

3. Kinder von Deportierten;
- Kinder, die zusammen mit den Familien deportiert wurden;
- Kinder, die die bereits am Deportationsort geboren wurden:

4. sozial gefährlicheKinder (Kinder, die älter als 15 Jahre alt waren), die der Staat genau so verfolgte, wie erwachsene Verbrecher, und zwar auf Grundlage des „Operativen Befehls des Volkskommissars für innere Angelegenheiten der UdSSR N° 00486 vom 15. August 1937“.
[3, S. 245] [Anhang 23]

1.2. Der Rechtsstatus von Kindern repressierter Eltern

Bei jeder der für Repressionsmaßnahmen vorgesehenen Familien wurde eine sorgfältige Haussuchung durchgeführt; man sammelte zusätzliche Anhaltspunkte und kompromittierendes Material gegen sie. Auf Grundlage der gefundenen Materialien wurde eine genaue Bescheinigung über die Familie ausgestellt [Anhang 2] ; einen separaten, etwas kürzer gefaßten Rapport gab es zu den sozial gefährlichen und zu antisowjetischen Handlungen fähigen Kindern über 15 Jahre; außerdem wurden namenslisten aller Kinder unter 15 Jahre erstellt, aufgeteilt nach Vorschul- und Schulalter. Nachdem Verhaftung und Haussuchung erfolgt waren, wurden die festgenommenen Frauen ins Gefängnis gebracht. Gleichzeitig wurden die Kinder abtransportiert. „...Papa haben sie verhaftet, Mama holten sie ein wenig später, sie verbüßte ihre Strafe im Frauenlager an einer Bahnstation in der Region Tomsk. Um die Kinder „sorgten“ sie sich ebenfalls“. – Jura und Natascha wurden in ein Kinderheim in Kasachstan geschickt“, - erinnert sich M. Wolkowa [1]

Über jeden Verhafteten und jedes sozial gefährliche Kind über 15 Jahre wurde eine Ermittlungsakte angelegt, in der sich neben den vorgeschriebenen Dokumenten auch die o.e. Bescheinigungen sowie eine kurze Anklageschrift befanden. Die Ermittlungsakte wurde zur Untersuchung an ein Sonderkollegium des NKWD der UdSSR übersandt. [3, S. 250]

Das Sonderkollegium prüfte die Fälle der Kinder von Vaterlandsverrätern, die älter als 15 Jahre waren, die sich als sozial gefährliches Element und zu antisowjetischen Tätigkeiten fähig erwiesen hatten. Alle übrigen Kinder der Verurteilten wurden untergebracht:

- Kinder im Alter von 1-1,5 Jahren bis zum vollendeten 3. Lebensjahr – in Kinderheimen und Krippen, die dem Volkskommissariat für Gesundheit der Republiken an den Wohnorten der Verurteilten unterstellt waren;

- Kinder zwischen 3 und 15 Jahren – in Kinderheimen des Volkskommissariats für Aufklärung anderer Republiken, Territorien und Gebiete (gemäß Verteilungsquote), mit Ausnahme der Städte Moskau, Leningrad, Kiew, Tbilisi, Minsk sowie See- und Grenzstädten. [3, S. 256] [Anhang 4]

In Bezug auf Kinder älter als 15 Jahre, sollte das Problem individuell geklärt werden: in Abhängigkeit vom Alter, den Möglichkeiten, mit eigenhändiger Arbeit eine selbständige Existenz zu führen, oder er Möglichkeit auf Kosten von Verwandten untergebracht zu werden.

- Säuglinge wurden zusammen mit ihren verurteilten Müttern ins Lager geschickt, von wo aus sie, sobald sie 1 oder 1,5 Jahre alt waren, an Kinderheime oder Krippen beim Volkskommissariat für Gesundheit der jeweiligen Republiken übergeben wurden.

- Bei Kindern im Alter zwischen 3 und 15 Jahren wurde die versorgung durch den Staat sichergestellt. [3, S. 58]

Für den Fall, dass andere Verwandte (die nicht repressiert wurden) ein zurückgebliebenes Waisenkind auf ihre Kosten zu sich holen wollten – so gabes hierfür keine Hinderungsgründe. „ ... sie kamen und holten den Vater, als wir noch Kinder waren; Mama war schon vorher gestorben, und wir blieben mit der Großmutter väterlicherseits zurück“, - Aus den Erinnerungen von M.W. Kusnezowa. [1]

Vor der Aufnahme und Verteilung der Repressiertenkinder begann die Vorbereitungsarbeit. In jeder Stadt, in der die Operation durchgeführt werden sollte, wurden extra eingerichtet:
a) Aufnahme- und Verteilungsstellen, an denen die Kinder unmittelbar nach der Festnahme ihrer Mutter abgeliefert und von wo sie anschließend in die Kinderheime abtransportiert wurden; b) Organisationund Ausstattung spezieller Räumlichkeiten, in denen sozial gefährliche Kinder bis zur Entscheidung des Sonderkollegiums festgehalten werden konnten.

Es wurden Listen angefertigt, in denen die Vor-und Zunamen, Vatersnamen, Geburtsjahr des Kindes und die Schulklasse, in der es unterrichtet wurde, vermerkt waren. [3, S. 240]. In den Listen sind die Kinder gruppenweise zusammengestellt, und zwar extra mit der Absicht, dass nicht Kinder, die miteinander verwandt oder gut bekannt sind, in ein- und dasselbe Heim kommen. [1] „ Ich hatte 2 Brüder und 1 Schwester. Die Brüder wurden zusammen mit dem Vater verhaftet. Meine Schwester und ich wurden in Kinderheime gebracht, und danach haben wir uns nie wieder gesehen“, - erinnert sich L.G. Andrejewa.

Bei der Verhaftung von Frauen, deren Männer bereits verurteilt worden waren, nahm man ihnen die Kinder fort und transportierte sie, zusammen mit persönlichen Dokumenten (Gebrúrtsturkunde, Schulzeugnisse und –bescheinigungen), in Begleitung speziell beauftragter Leute, die in Gruppen auch die Verhaftungen vorgenommen hatten (Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter des NKWD), ab:

a) Kinder bis zum 3. Lebensjahr – in Kinderheime und Krippen des Volkskommissariats für Gesundheit;

b) Kinder zwischen 3 und 15 Jahren – in die Aufnahme- und Verteilungsstellen;

c) sozial gefährliche Kinder über 15 Jahre in speziell für sie vorgesehene Räumlichkeiten.

Jedes aufgenommene Kind wurde in ein spezielles Buch eingetragen und die persönlichen Dokumente in einem Briefumschlag versiegelt. [3, S. 265]

Anschließend wurden die Kinder nach ihren Bestimmungsorten in Gruppen zusammengestellt und unter Begleitung speziell ausgewählter Mitarbeiter gruppenweise in die Kinderheime des Volkskommissariats für Gesundheit verschickt, wo sie zusammen mit ihren persönlichen Papieren an den Heimleiter, gegen eine persönlich unterzeichnete Empfangsquittung, übergeben wurden.

Kapitel II. Das Leben der Kinder von repressierten und deportierten Eltern

2.1. „GULAG“

Sozial gefährliche Kinder von Verurteilten unterlagen, je nach Alter, Gefährlichkeitseinstufung und möglichen Aussichten auf Besserung der Inhaftierung in einem Lager oder einer Besserungs- und Arbeitskolonie des NKWD, oder aber der Unterbringung in Kinderheimen mit besonders strengem Regimen unter der Zuständigkeit des Volkskommissariats für Aufklärung in der jeweiligen Republik. Ermittlungsakten wurden ans Archiv des NKWD der UdSSR übergeben.

Im weiteren Verlauf wurden sozial gefährliche Kinder in Lager, Besserungs- und Arbeitskolonien des NKWD oder in Kinderheime mit besonders strengem Regime beim Volkskommissariat für Aufklärung aufgrund personengebundener Aufträge im Rahmen des NKWD-GULAG-Systems [4, S. 320] für die erste und zweite Gruppe; für die dritte Gruppe war die Verwaltungs- und Wirtschaftsbehörde des NKWD der UdSSR zuständig. [3, S.268]

In den Lagern wurden schwierigste Bedingungen geschaffen. Nicht einmal die elementarsten Menschenrechte wurden gewahrt; schon für die geringfügigsten Vergehe und kleinste Verstöße gegen die Lagerordnung wurden harte Strafen angewendet [Anhang 5]

Kinder, die zusammen mit ihren Eltern ins Lager geschickt oder unmittelbar dort geboren waren, unterlagen denselben Schicksalsprüfungen wie die Erwachsenen: „ ...wir waren Kinder, aber niemanden interessierte das; wir halfen den Erwachsenen nicht nur, sondern mußtem sogar genau die gleichen Arbeiten ausführen wie sie, als wenn wir mit ihnen gleichgestellt waren...“, - aus den Erinnerungen von Maria Fjodorowna Iwantschina. [9]
Sie sollten im äußersten Norden, un Fernost und anderen entlegenen Regionen am Bau von kanälen, Straßen und Eisenbahnlinien sowie Industrie- und anderen Objekten arbeiten [Anhang 6]

Von den Familien oder jenen, die aus den Familien fortgerissen und in ein Lager geschickt worden waren, hörte man oft nie wieder etwas. Entweder verbrachten sie ihr Leben im Lager oder starben dort anHunger, Krankheiten und der alle Kräfte übersteigenden Arbeit. Bei der Freilassung aus dem Lager erhielten alle, die bereits das 15. Lebensjahr erreichthatten eine Bescheinigung, die in der allerersten Zeit den Paß ersetzte.

Im Bewußtsein der Menschen wurde der Begriff „GULAG“ zum Synonym für die Lager und Gefängnisse, für das totalitäre Regime in seiner Gesamtheit. [Anhang 7]. Glücklich konnten sich wahrscheinlich die Kinder der Eltern schätzen, die, trotz der mit aller Heftigkleit gegen die Familie gerichteten Repressionsmaßnahmen, aus irgendwelchen Gründen am Leben blieben. Allerdings war das nur sehr selten der Fall.

Pjotr Iwanowitsch Slawzow (Schauspieler) ist ein Beispiel dafür, wie die Abänderung eines einzigen buchstabens im Nachnamen half, den Repressionen aus dem Weg zu gehen, die seine Vater Slowzow (Geistlicher) ereilten [5] [Anhang 8]

Auch meiner Großmutter Lidia Stepanowna Usik [Anhang 9] und ihrer Mutter Anna Konstantinowna gelang es der Verbannung zu entgehen, der ihr Mann Stepan Petrowitsch ausgesetzt war: kurz vor Beginnder Repressionen hatte sie sich von ihm getrennt – aus Angst, dass sie und die Kinder von den Maßnahmen ebenfalls betroffen sein könnten.[7]

2.2. Das Leben der Kinder von Sindersiedlern

Häufig gerieten Kinder, deren Rechtsstatus als „Kulaken“-Kinder oder Kinder von Deportierten definiert wurde, zusammenmit ihren Eltern in die Sonderansiedlung.

Es gibt keine Angaben darüber, wieviele Sondersiedler an Hunger, Kälte, Krankheiten und der alle Kräfte übersteigenden Arbeit starben. Sie alle waren mit riesigen Problemen konfrontiert.

DieFrage, die ihnen am meisten Sorge bereitete, war die Frage der Ernährung. Die Ration, die für Familienangehörige ausgegeben wurde, die nicht arbeiten konnten, betrug 400 Gramm. Kleinen Kindern (im Vorschulalter) gab man 250 Gramm auf Marken. Die Lebensmittel, die sie aus ihren Deportationsorten mitgenommen hatten, reichten nicht, um sich davon einen Vorrat anzulegen.

Große Schwierigkeiten erfuhren Familien mit zahlreichen Kindern. Sie aßen alles, was ihnen in die Finger kam: verfaulte Kartoffeln, Gras; sie buken Fladen aus Gras, dem sie ein wenig Mehl und Graußen hinzufügten: „...es gab nichts zu essen, viele hungerten, Mama hat gekocht, was nur irgend möglich war. Das wichtigste war, nict an Hunger zu sterben“, - erinnert sich N.A. Iwanowna [1]

Die hungrigen Mütter versuchten heimlich für ihre Kinder ein wenig Fisch zurückzubehalten: sie versteckten ihn in ihren Pumphosen, befestigten ihn unter der Brust. Wurden solche „Aufbewahrungsorte“ entdeckt, kam die unglückliche Mutter vor Gericht. [1]

Die ärmsten kinderreichen Haushalte buken kleine runde Kuchen, die aus Melde und Holzspänen bestanden, und nur sehr selten mischten sie ein wenig zerhacktes Getreide darunter: „ ...irgendetwas mußten wir ja essen. Mama buk Fladen aus Melde und Mulm (faulendes Holz; Anm. d. Übers.), und wenn es gelang, an die Kornkästenheranzukommen, dann fügte sie auch mitunter ein wenig Mehl hinzu“, - erinnert sich Großmutter Lidia Stepanowna Usik [7]. Und damit die Fladen sich aus der Pfanne lösten, wurde diese mit Schmieröl bestrichen. Sie zerstießen Hafer und kochten daraus Brei, sie aßen Ölkuchen. Sie salzten auch Kohlblätter ein, welche die Ortsansässigen in den Abfall geworfen hatten.

Ein anderes Problem war die Frage der Behausung. Da die Aktivitäten des NKWD streng geheim waren, wurden die örtlichen behörden über das Eintreffen der Verbannten erst im allerletzten Moment unterrichtet. Es waren überhaupt keine Unterkünfte für sie vorgesehen, und so brachte man sie überall da unter, wo sich ein freies Plätzchen fand (Scheunen, Trockenräume für Pferdegeschirre): „Sie brachten uns dorthin und ließen uns dann in einem kleinen Dörfchen zurück; dort gab es etwa 5 kleine katen, in denen jeweils mehrere Familien lebten; deswegen trieben sie uns in eine Scheune. <...> Und so lebten wir zwei Jahre“, - erinnert sich Nikolaj Antonow. [1]

Genauso ging es denjenigen, die in irgendeinem kleine Dörfchen ausgesetzt wurden, in dem es zumindest 2-3 Häuser gab. [Anhang 10]

Alle hoben für sich und ihre Familie Erdhütten aus; und diejenigen, die in ein Dorf geraten waren, hatten zumindest eine geringfügige Chance mit Unterstützung der ortsansässigen Bevölkerung zu überleben. Oft wurden verbannte bei örtlichen Bauern untergebracht. Aus den Erinnerungen von E. Kartelainen: „Sie brachten uns bei einer Familie unter. Die Wohnung bestand, wie bei den meisten Bauerm, aus einer kleinen Kate mit einer einzigen Wohnstube. Wir lebten dort zusammen mit ihnen. Sie waren sehr gut zu uns, und wir danketen ihnen dafür mit usnerer Hände Arbeit im Haushalt und in der Hofwirtschaft, und Mama nähte ihnen sogar Kleidung“. [1]

Wer es nicht rechtzeitig geschafft hatte, sich eine Erdhütte auszugraben, der kam bereits im ersten Winter ums Leben. Man mußte die alten Wirtschaftsgebäude benutzen, die Fenster verglasen, die Türen abdichten, Dächer decken, Fugen zuschmieren – aber das war erst später. Alle Deportierten erinnern sich an die Erdhütten: „Die Mädchen halfen ihren Müttern und hoben für die unteriordischen Behausungen kleine Gräben aus, sammeltem im Wald Moos. Die Jungen halfen ihren Vätern und nahmen ebenfalls Äxte und Sägen in die Hand, von denen
es allerdings nicht sehr viele gab, um Holz zu besorgen, - erinenrt sich Sinaida Aleksejewna Gribina. [11]

Große Familien bauten sich eine separate Erdhütte; kleinere Familien taten sich mit 2-3 anderen zsammen und bauten eine Gemeinschaftshütte. Aus den Erinnerungen von Michail Wasiljewitsch: „Wir schliefen auf wattierten Jacken und decktenunsere Schultern mit Säcken zu. Es war furchtbar kalt, aber so hatten wir die Chance, in den eisigen sibirischen Wintern nicht vor Kälte zu sterben.“ [9] . Als Beleuchtung dienten Kienspäne. In den verschiedenen Siedlungspunkten lebten sie unterschiedlich lange in Erdhütten: hier zwei Jahre, dort nur eins. Dies war häufig von den klimatischen Bedingungen abhängig.

Es fällt schwer sich vorzustellen, wie die Menschen unter solchen Bedingungen überhaupt überleben konnten. Im Inneren der Behausung stand der aus einem Eisenfaß hergestellte „Ofen“. Später stellten findige Ofensetzer in einigen Erdhütten sogar Öfen aus Ufergestein auf.

Es gab kein Küchengerät, keine Kleidung, kein Schuhwerk. Aus den Erinnerungen von Lidia Stepanowna Usik: „Wir zogen das an, was wir zuhause hatten. Wenn es kalt war, umwickelten wir unsere Füße mit Lappen und zogen die Galoschen darüber, damit wir nur nicht erfrieren mußten. So war uns wenigstens ein klein wenig wärmer“. [7] [Anhang 11]

Wir schrieben mit Vogelfedern auf Birkenrinde. Tinte gab es nicht; stattdessen verwendeten wir das Blut von toten Hasen. [11]

Im Winter fiel den hungernden Menschen das Arbeiten besonders schwer, aber auch im Sommer hatten sie es nicht leicht. Mückenschwärme hingen an jedem lebendigen Wesen. Überall räucherte man die Insekten aus, es war unmöglich ohne Netzhüte zu arbeiten; die Kinder halfen den Erwachsenen so gut sie konnten: die einen gingen im Gemüsegarten zur Hand, andere sammelten Pilze und Beeren. Sie nähten sich kegelförmige Mützen mit Ausschnitten für die Augen. Sofern es gelang, ein winziges Stückchen Mull zu ergattern, dann nähten sie in die Öffnungen für Augen und Nasenlöcher ein. Valentina Kartelainen: „Ich kann mich darin erinnern, wie irgendjemand Mama ein kleines Stückchen Mull gab. Mama sagte mir und meiner Schwester damals, daß wir es in die Ausschnitte der Mütze nähen sollten – für die Gartenarbeit...“ [1]

Ein großes Problem war die seelische Anpassung an die neuen Bedingungen, im Anschluß an den Verlust des sozialen Status, den Verlust ganzer Familien. Die schwere körperliche Arbeit von fünf Uhr morgens bis Sonnenuntergang, und dann noch zu Kriegszeiten, sowie die primitiven Alltagsbedingungen wirkten sich oft sehr quälend und deprimierend auf die Menschen aus und lähmten ihren Lebenswillen.

Alle Kinder der Sondersiedler begannen schon früh zu arbeiten. Auch die Kinder der Ortsansässigen fingen bereits in frühen Jahren an, ihren Eltern bei der Arbeit behilflich zu sein, aber das war eben nur eine Art von Hilfestellung, die nicht dazu diente, die Familie vor dem Hunger zu bewahren, wie es bei den Sondersiedlern der Fall war: „ auch die Kinder der Ortsansässigen halfen ihren Eltern, aber sie gingen bloß ein wenig zur Hand, während wir ganz selbständig lebten und arbeiteten und uns zusammen mit den Eltern abquälten“. [1]

Der Umgang der Menschen untereinander gestaltete sich schwierig. Das Gemisch aus Völkern, Sprachen, Sitten, Gebräuchen und Kulturen bildete ein eigentümliches Durcheinander in den kleinen sibirischen Siedlungen. Wer das Glück gehabt hatte, eine Familie zu gründen und beisammen zu halten, der fühlte die gegenseitige Unterstützung. Die Mütter orientierten sich offenbar richtig in der neuen Situation, indem sie ihre Kinder möglichst schnell an das rauhe Leben gewöhnten. Selbst die kümmerliche Essensartion mußten sie teilen lernen. Diejenigen, deren Eltern gestorben waren, hatten die wenigsten Rechte. „So konnte der älteste Bruder nicht zuenede lernen, sondern ging arbeiten, um sich und mich irgendwie durchzubringen“, - erinnert sich S.D. Sidorac, der 1947, im Alter von 7 Jahren, zusammen mit seiner Familie aus Litauen nach Jarzewo deportiert wurde. [6] [Anhang 12]

Am besten sprechen die Zahlen jener Jahre von der unerträglichen Kindheit. Dabei haben wir lediglich zwei Kriterien aufgegriffen: die Kindersterblichkeitsrate und die Verwaisung, die unter den Kindern der Sondersiedler sehr schnell um sich griff. Es erscheint uns unmöglich, jetzt ein vollständiges Bild zu schaffen, aber wir haben zumindest eine Auswahl getroffen und aufs Geratewohl 20 unterschiedliche Familien herausgegriffen.[11

Folgendes bekamen wir heraus, als wir versuchten eine Analyse darüber anzufertigen, wie hoch die Anzahl der Kinder in den Familien im Moment der Ankunft am Verbannungsort im Jahre 1931 war und wieviele 1933, also gerade einmal zwei Jahre später noch am Leben waren.

Kindersterblichkeit (1931-1933) in den deportierten Familien
(Auswahl aus 20 Befragten)

Zahl der Kinder, die mit ihren Eltern umgesiedelt wurden

 Zahl der Kinder, die in der  neuen Siedlung überlebten

Andere Kriterien erhielten wir auf Grundlage der Schicksale, bei denen Kinder zusammen mit ihren Eltern 1931 an ihrem Verbannungsort eintrafen; aus den 20 von uns Befragten ergaben sich insgesamt 50 Kinder, deren Schicksal in den ersten zwei Jahren, also bis 1933, wie folgt verlief.

Das weitere Schicksal der Waisenkinder
(Auswahl aus 20 Befragten)
Im Zeitraum 1932 - 1933

Zahl der in Kinderheime , oder Krippen des Volks-  kommissariats für Gesundheit  geschickten Kinder sowie Kinder über 15 Jahre Zahl der Kinder, die infolge des Fehlens ihrer Eltern starben Zahl der Kinder, die nach dem Tode der Eltern selbständig überlebten

Es wurde klar, daß die Sterblichkeitsrate unter den Kindern der Sonderumsiedler sehr hoch war, genauso wie die Todesrate bei der erwachsenen Bevölkerung. Die hinterlassenen Kinder blieben häufig sich selbst überlassen, wie es bei der von uns bereits erwähnten Familie Sidoras der Fall war, wo zwei Minderjährige im Alter von 14 und 7 Jahren überlebten.[6]

2.3. Bildung und Ausbildung

Sehr viele Kinder verloren ihre Eltern aus unterschiedlichen Gründen: die einen starben an Hunger und Kälte, viele wurden durch die Verbannung voneinander getrennt, so daß die Kinder mutterseelenallein zurückblieben. Sie waren gezwungen ein selbständiges Dasein zu führen.

Und wie verhielt es sich mit der Schule? Es waren doch Kinder, die etwas lernen, Bildung erwerben mußten. Schulen gab es wohl, aber nicht jeder konnte sie besuchen.Für Kinder, die zusammen mit ihren Eltern in die neue Ansiedlung gekommen waren und später dann zu Waisen wurden, war ein Schulbesuch eingach unmöglich, denn es war viel wichtiger, sich und die kleineren Geschwister irgendwie durchzubringen, damit keiner von ihnen starb. I.I. Jegorow erinnert sich: „Mein Bruder und ich hatten keine Zeit zum lernen – wir hätten sonst nicht überlebt...“.[11] Viele wurden in Internatsschulen geschickt: „... die Siedlungsleitung erhielt den Befehl: alle Kinder im Schulalter sind in Internatsschulen zu schicken. Das war für uns eine unerwartete Freude. Endlich würden wir wenigstens unseren unvollständigen Mittelschulabschluß machen können. Wir beendeten beide erfolgreich die Schule und erhielten jeweils ein Zeugnis über den Abschluß von 5 Klassen“, - erinnert sich G.D. Werschbizkaja [Anhang 13]

Bei vielen wurden auch besondere Anweisungen erteilt. So sagte beispielsweise der Leiter des Kinderheims zur 14-jährigen Maria Fritz, als sie darum bat, zur Schule gehen zu dürfen: „Was dich betrifft, gibt es eine besondere Verfügung. Wir dürfen dich nur zum Arbeiten einsetzen. Sie gaben mir ein paar alte Stiefel, ebenso abgetragene Kleidung und schickten mich zum Arbeiten in die nahegelegene Kolchose“.[1]

Kinder von geistlichen wurden in der Schule gar nicht erst aufgenommen. Maria Fjodorowna Iwantschina erinnert sich: „In Rybnoje wollten sie mich an der Schule nicht aufnehmen; für Popenkinder gab es dort keinen Platz“.[9] [Anhang 14]

Wer Glück hatte, der konnte die 5-Klassenschule beenden oder sogar eine zehnjährige Schulbildung absolvieren, aber von denen gab es nur wenige.

„Es war eine kleine Schule. Insgesamt 4 Klassen. Wie lernten alle zusammen in einem Klassenraum. Es gab auch nur einen Lehrer. Ich meine, er hieß Witalij Illarionowitsch. Damals herrschte ein harter Winter, aber ich ließ den Schulbesuch trotzdem nicht einen einzigen tag ausfallen, denn ich wollte so gern etwas lernen. Manchmal hatte der Lehrer Mitleid mit mir; dann ließ er mich dirket in der Schulküche übernachten und befahl der Wächterin, daß sie mir Bettzeug zurechtlegte und mir etwas zu essen gab. Ich war ihm sehr dankbar für seine Aufmerksamkeit und blieb ihm nichts schuldig: ich half ihm in der Klasse beim Aufstellen von Schaukästen und –tafeln“, erinnert sich Ljudmila Andrejewna Gorelowa.[1]

2.4. Das Verhalten der Ortsansässigen gegenüber den Sondersiedlern

Was für ein Verhalten konnten die Sondersiedler – die „Volksfeinde“ - seitens der ortsansässigen Bevölkerung erwarten? An den jeweiligen Siedlungsorten benahm man sich gegenüber den Sondersiedlern ganz unterschiedlich. Die Kinder der Sondersiedler litten unter Erniedrigungen seitens ihrer Altersgenossen, weil man ihren Familien den Stempel „Volksfeind“ aufgedrückt hatte.

Mit besonderen Schwierigkeiten waren Verbannte mit deutschen Nachnamen während des Großen Vaterländischen Krieges konfrontiert. An dem Tag, als im Dorf die Todesnachricht über einen gefallenen Soldaten eintraf, zerrten die ortsansässigen Kinder die siebenjährige Olga Braun an ihren langen Zöpfen und beschimpften sie als Faschistin. Noch in ihrer Kindheit schwor Olga sich, daß sie niemals einen Russen heiraten würde. Sie erinnert sich auch, daß sich ausgerechnet in dem Dorf Kostino, in das man sie samt Mutter und Großmutter gebracht hatte, einige Ortsbewohner dermaßen schlecht gegenüber den Sondersiedlern benahmen, daß sie ihnen ganz offen ins Gesicht sagten: „Unser Dorf heißt Kostino, also sollen auch von euch nur die Knochen übribleiben“ (kostino vom Wort kost’ = Knochen; Anm. d. Übers.).[1] Aber ein solches Verhalten gab es nicht überall. Häufig waren die Ortsansässigen den Verbannten gegenüber auch sehr freundlich gesinnt. Ihre Gutmütigkeit, ihr Mitleid kann man nicht hoch genug einschätzen. Vor allem bei den Kindern zeigten sie Verständnis und Mitgefühl. „Die Ortsbevölkerung von Serkowo benahm sich uns gegenüber gut; sie halfen uns, wo sie nur konnten“, - sagt Nadeschda Iwanowna Kosunowa. [11]
Die Ortsansässigen lehrten uns, wie wir überleben konnten. Anfangs gaben sie uns alles, was sie nur irgend hergeben konnten. Bei alltäglichen Streitigkeiten nannten sie uns allerdings auch schnell wieder „Faschisten“, - erzählte T.S. Schmidt. E.G. Link erinnert sich mit großer Dankbarkeit an die russischen Familien Silantjew und Arefjew im Dorf Iskup:“Die Fische, die sie fingen, kochten sie sofort und gaben sie uns zu essen“ [1]

Ihrerseits verhielten sich auch die Sondersiedler ganz unterschiedlich gegenüber der ortsansässigen Bevölkerung. Einige zeigten sich feindselig (hauptsächlich Sondersiedler deutscher Nationalität), aber bei weitem nicht alle.

Der Großvater meiner Klassenkameradin, Aleksander Aleksandrowitsch Schmidt berichtet, daß die Dorfjungen ihn genauso wie ihre anderen Altersgenossen behandelten; es war für sie unwichtig, daß er Sondersiedler war und der deutschen Nationalität angehörte. [8]

Die Mehrheit der Sondersiedler wußten die Hilfe und Unterstützung seitens der Ortsbevölkerung gebührend zu würdigen. [Anhang 15]

Natürlich gab es auch Fälle von Grausamkeiten zwischen den Kindern der Verbannten und der ortsansässigen Bevölkerung, aber Kinder sind Kinder, und in der Regel kamen sie alle gut miteinander aus. In ihnen gab es nicht so viel Haß und böse Gedanken wie bei den Erwachsenen.

2.5. Die Wahrnehmung der Realität durch die Kinder selbst

Die Lebensbedingungen der Kinder waren schlimm: es fehlte an Essen und Kleidung. Die älteren Kinder waren gezwungen zu arbeiten, und zwar in dem gleichen Maße wie die Erwachsenen, sie mußten ihnen in Haushalt und Wirtschaft helfen. Aber man darf nicht vergessen, daß sie noch Kinder waren; die Welt der Kindheit mit all ihren Spielen, Freuden, dem Geschick sogar im Bösen Gutes zu sehen – das läßt sich nicht so einfach ausstreichen.

Natürlich mußten die Kinder das gleiche Unglück, die gleichen Erschwernisse wie die Erwachsenen durchstehen, aber sie verstanden sie auf eine andere Weise. [Anhang 16]

Sie erfreuten sich an der Schönheit der Taiga, der Sonne, wenn sie zwischen den schwarzen Wolken hervorlugte, den bereits Ende Mai aufbrechenden Blütenknospen, den großen, bunten Schmetterlingen. Aus den Erinnerungen von Ljudmila Andrejewna Gorelowa: „Es ist wohl wegen der Schönheit des Waldes und allem, was ich darin gesehen habe, daß ich für immer eine so große Liebe zur Natur empfunden habe – und das bereits im Alter von 11-12 Jahren. Natürlich begriff ich damals nicht den Unterschied zwischen Taiga und Wald. Beide gefielen mir. Vielleicht kommt es auch von der damaligen Zeit, daß ich nicht nur keinerlei Furcht vor dem Wald habe, sondern auch nicht vor der tiefsten, unwegsamsten Taiga, durch die ich mir mehrmals einen Weg suchen mußte, um den Anweisungen unseres älteren Vorgesetzten Folge zu leisten“.[1]

Kapitel III . Das weitere Schicksal

Und was geschah weiter? Ein zerbrochenes, verkrüppeltes Schicksal? Eine zertretene Kindheit? Manchmal entwickelte es sich auch anders. Häufig kam es vor, daß Kinder nach dem Tode ihrer Eltern zuerst begannen sich herumzutreiben, Diebstähle zu begehen und dann schließlich diesem Leben ein Ende zu machen, indem sie zu ganz sozialen Elementen wurden. Einer der Einwohner des Dorfes Jarzewo erzählte: „ ...das erste Mal verhafteten sie mich, weil ich ein paar Graußen entwendet hatte. Aber damit begann auch mein weiterer Lebensweg. Später klaute ich immer wieder, und dann schon mit vollem Bewußtsein...“ [5]

Aber viele kämpften einfach gegen das Schicksal an sich, indem sie sich einen Weg ins Leben bahnten.

Der Großvater einer meiner Klassenkameradinnen, A.A. Schmidt, den ich bereits zuvor erwähnte, kann als leuchtendes Beispiel für so einen Menschen dienen. Trotz der Tatsache, daß er das Kind deportierter Deutscher ist, konnte er zur Schule gehen und später als Kinomechaniker arbeiten, wofür er schließlich mehrfach auszeichnungen, Ehrenurkunden und Dankesschreiben erhielt. Für seine gute Arbeit bekam er eine Reise in die Tschechoslowakei geschenkt (obwohl man den meisten Deportierten eine Ausreise aus dem Land nicht gestattete).[8]

Saulus Domininkowitsch Sidoras, Kind deportierter Litauer, schlug sich ebenfalls durch - trotz des Verlustes der Eltern am Deportationsort und der sehr schweren Zeit. Jetzt ist Saulus Domininkowitsch Kandidat der biologisch-geologischen Wissenschaften [6], selber Vater und einfach ein guter Mensch, der, nachdem er den Beruf eines hervorragenden Geologen erlangt hatte, die gesamte Krasnojarsker Region durchstreifte. Heute schreibt er Bücher, nimmt aktiv am Leben der Litauer-Gemeinde in der Stadt Krasnojarsk teil und hilft mit Begeisterung bei der Arbeit unserer Schule und des Gymnasiums der Stadt Anikschtschaj (Litauen): „Von Moskau nach Neman“. [Anhang 17]

Schlußbemerkung

Auf den Territorien unseres Landes sind heute Gedenkstellen und Gedenksteine zur Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen errichtet, die uns dazu ermahnen, eine Wiederholung der Geschehnisse nicht noch einmal zuzulassen. [Anhang 18]

Heutzutage hat die Gerechtigkeit gesiegt. Die meisten derer, die unter den Repressionen schwer zu leiden hatten, sind inzwischen rehabilitiert, viele Familien von Repressierten erreichen auch heute noch die Rehabilitation ihrer Verwandten. Jeder von ihnen erhielt eine Kompensation für den seinerzeit konfiszierten Besitz, die Rehabilitierung und, als ehemals politisch Verfolgte – auch die dafür vorgesehenen Vergünstigungen. Den Besitz, das Recht sich als Mensch bezeichnen zu dürfen, und nicht das Kind eines „Volksfeindes“ – das alles läßt sich wieder zurückgewinnen, aber wer gibt ihnen die verlorene Kindheit wieder?! Die freudvollen Minuten, die ein jeder in seiner Kindheit erleben sollte, die Zeit, die eigentlich die sorgenfreiste und glücklichste im menschlichen Leben sein müßte. Es gibt wohl keine Antwort auf diese Frage. Jeder hat längst für sich selbst entschieden, welche Einstellung er zu den Ereignissen jener Zeit hat und wen er dafür verantwortlich macht, was in jenen schweren Jahren geschehen ist.

Und unsere heutige Pflicht ist es, die Vergangenheit zu kennen und zu verstehen, ohne dabei die Augen zu verschließen oder so zu tun, als sei bereits Gras über alles gewachsen. Die heutige Menschheit besitzt ein ganzes Paket internationaler Dokumente über den Schutz der Kindheit, angefangen von der Konvention über die Rechte der Kinder. Aber die gegenwärtige Praxis beweist das gegenteil: Kinder sterben, leiden, haben ein qualvolles Leben, und die Zukunft der Menschheit: Kriege, Völker- und Religionskonflikte. [19]

Den praktischen Nutzen unserer Forschungsarbeit sehen wir nicht nur darin, daß die Arbeit ein methodisches Hilfsmittel für Geschichtslehrer sowie Material für das Schulmuseum darstellt. Auf Grundlage unserer Arbeit fordern wir die Schüler unserer Schule dazu auf, ein Sozialprojekt zu erarbeiten, dessen Ziel die Kontaktaufnahme mit den örtlichen Behörden sein soll und in dessen Rahmen diese ersucht werden, ein Denkmal für die Kinder von Opfern politischer Repressionen zu errichten.

Bibliographischer Anhnag

1. Archivmaterialien der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation
2. Allrussischer Wettbewerb historischer Arbeiten von Schülern der höheren Klassenstufen „Der Mensch in der Geschichte . Rußland – 20. Jahrhundert“. Arbeiten aus der Region Krasnojarsk und der Republik Chakassien, Stadt Krasnojarsk 2008
3. S.S. Wilenskij, „Kinder des GULAG 1918-1956. Dokumente“, Verlag „Herausgeber-Projekte“, Stadt Krasnojarsk 2008
4. Jenisejsker enzyklopädisches Wörterbuch, Verlag „Russische Enzyklopädie“, Stadt Krasnojarsk 1998
5. Interview mit T.W. Nikandrowa vom 10.01.2009
6. Interview mit S.D. Sidoras vom 17.12.2008
7. Interview mit L.S. Usik vom 25.11.2008
8. Interview mit A.A. Schmidt vom 23.12.2008
9. Buch der Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen in der Region Krasnojarsk, Verlag „Herausgeber-Projekte“, Stadt Krasnojarsk 2004
10. Die Krasnojarsker: fünf Jahrhunderte Geschichte, Lehrmittel für Heimatkunde, Teil II, Platina-Verlag, Krasnojarsk 2006
11. Website der Krasnojarsker Filiale der Allrussischen „Memorial“-Organisation
www.memorial.krsk.ru


Anhang 1. Gedenkstelle für die Opfer politischer Repressionen


Anhang 2. In der Kinderbaracke


Anhang 3. „Volksfeinde“


Anhang 4. Im Kinderheim


Anhang 5. Barackenansicht


Anhang 6. Auf der Jagd


Anhang 7. GULAG-Zelle


Anhang 8. Pjotr Iwanowitsch Slowzow mit seinem Vater


Anhang 9. Lidia Stepanowna Usik (im Alter von 20 Jahren)


Anhang 10. Was vom Deportationsort übrigblieb
(Anmerkung der Redaktion: tatsächlich sind dies Überreste der Bauverwaltung 503)


Anhang 11. Gesteppte, wattierte Kinderjacke


Anhang 12. Saulus Domininkowitsch im Alter von 14 Jahren


Anhang 13. Deportierte


Anhang 14. Familien von Geistlichen


Anhang 15. Deportierte


Anhang 16. Zusammen mit ihren Eltern deportierte Kinder


Anhang 17. Saulus Domininkowitsch Sidoras heute


Anhang 18. Gedenkstein zu Ehren der Opfer politischer Repressionen in Kuragino


Anhang 19. Lager-Wachturm


Anhang 20. Befehl der Vereinigten Politischen Verwaltung N° 44/21


Anhang 21. Auf den Namen des Familienoberhauptes ausgestellte Bescheinigung

Ãîäû

1939

1940

1942

1943

1944

1945

1946

Verurteilte

44731

132958

190957

141253

k.A.

112348

91008

Kirchenleute und Sektenmitglieder

987

2231

1106

539

1030

1961

k.A.

Kultdiener

414

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

931

k.A.

Ingenieure

362

 k.A.

1057

901

1091

1632

k.A.

Wissensch. Mitarbeiter

81

k.A.

k.A.

k.A.

 

k.A.

k.A.

Pädagogen

381

k.A.

1699

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

Ärzte

107

k.A.

404

496

624

449 –Ärzte und mittleres medizinisches Personal

k.A.

Darunter Ortsansässige Dorfbewohner

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

177

k.A.

Mitarbeiter aus Literatur- und Künstlerkreisen

121

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

362

k.A.

Schüler an Mittel- und Hochschulen

k.A.

k.A.

k.A.

548

999

k.A.

k.A.

(k.A. = keine Angaben)
Anhang 22. Zusammenfassende Tabelle über aus politischen Gründen Verurteilte (1939-1946)

Anhang 23. Operativer Befehl des Volkskommissars für innere Angelegenheiten der Sowjetunion N° 486


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