Boris Sinchurin . Der Pechvogel

Ich wurde im Jahre 1920 geboren. Wir waren eine siebenköpfige Familie – weder wohlhabend noch arm. Ich kann mich noch gut an die Kollektivierung erinnern. Sogenannte „Türklopfer“ kamen ins Dorf gefahren, sie kratzten die allerletzten Krümel heraus und jagten hinter den Hühnern her, und wenn die Hausherrn Widerstand leisteten, dann schlugen sie mit der Peitsche oder mit der stumpfen Seite ihrer Säbelklingen um sich. Ich habe selber gesehen, wie sie Kinder aus dem Fenster hinauswarfen und ihre Mutter verprügelten. In einer kinderreichen Familie warf der Tschekist Furmolin vor den Augen der hungrigen Kinder den allerletzten Brotkanten in einen Zuber mit Spülwasser und sagte: „Eure Mutter ... Wo ihr noch durch die Tür gegangen seid, sind wir schon aus dem Fenster gesprungen!“

Die Leute hatten Angst, auch nur ein Wort zu sagen, sich für einander einzusetzen. Menschen aus dem Dorf fingen an zu verschwinden. Allein aufgrund der Denunzierung, die unser Dorflehrer aussprach, wurden viele verhaftet, aber später kam auch er irgendwo in einem Lager um.

Die Angst, die Furcht voreinander, das Hungerdasein trieben die Menschen aus der dörflichen Gemeinschaft. Auch mein Vater ging fort in die Stadt, und wir blieben mit meiner Mutter in der Landwirtschaft zurück. Der Vater schickte uns Geld und mitunter auch Päckchen.

Das Dorf versteckte sich, man hörte nirgends eine Harmonika, niemand sang Lieder. Jene, die sich nach wie vor widersetzten, erwartete ein schweres Los. Meine Tante und ihr Sohn wurden in die Steppe von Karaganda ausgesiedelt, wo man sie unter freiem Himmel ihrem Schicksal überließ. Von dort schrieb sie herzzerreißende Briefe und bat darum, den Sohn vor dem Hungertod zu retten. Er wurde nicht gerettet.

Aber der Hungertod ereilte auch jene, die auf heimatlichem Boden geblieben waren. Das schreckliche Jahr 1933 mähte fast das gesamte Dorf dahin. 2-3 Tage und Nächte bekamen sie nicht einen einzigen Krümel in den Mund, die Menschen sahen aufgedunsen aus. Mit Mühe gingen sie auf den Kartoffelacker hinaus, sammelten die verfaulten Kartoffeln des Vorjahres auf und buken unter Zugabe von Stärkemehl Fladen. Manchmal mischten sie auch Birkenknospen oder Hirseschalen dazu. Sie kochten Brennesseln ohne jegliche Zutaten. Es überlebten nur diejenigen, die besonders widerstandsfähig waren und viel aushalten konnten. Bis zur nächsten Ernte fraßen sie wie Vieh auf der grünen Weide und schlangen alles gierig hinunter, was nur irgendwie den Magen füllen konnte. Niemand mochte sich bewegen, dazu machten sich Stumpfsinn und Gleichgültigkeit breit. Wie langsam ging die Zeit dahin, in diesem ausgestorbenen Dorf! Und dann kam der langersehnte Tag, an dem die Roggensaat reif wurde, zwar noch nicht ganz vollständig, aber immerhin so, daß sie schon zum Essen taugte. Wie schmackhaft kam einem da diese mit nichts verfeinerte Grütze aus gedroschenem, unreifem Getreide vor! Schmerzhaft ist die Erinnerung, wie sie mit hungrigen Augen auf den Tontopf mit der Grütze starrten, wie gierig diejenigen die dünne Brühe hinunterschluckten, die am Leben geblieben waren.

In unserer Familie hatte die Mutter alle am Leben erhalten – dank der Hilfe des Vaters.

Einige Bewohner aus dem Dorf, die in die Stadt fortgegangen waren, holten ihre Familien nach. Auch mein Freund Pawlik Kusnezow verließ mit seinem Vater das Dorf. Und wohin?! Nach Sibirien! Das Wort an sich klingt schon beängstigend, wenn man sich das Sibirien der urwaldähnlichen Taiga und der grimmigen Kälte vorstellt, wohin die Verbrecher verschleppt wurden. Wie hätte ich jemals denken können, daß Sibirien einmal meine zweite Heimat wird!

1936 beendete ich die Schule und beschloß ein selbständiges Leben zu beginnen. Zuerst fand ich in Karaganda eine Arbeit als Warenprüfer im Kohlenschacht und später als Förderarbeiter. Es war eine schreckliche Zeit. Jeden Tag wurde erzählt, daß der eine oder andere verhaftet worden war ... Ich glaubte, daß es sich um Schädlinge handelte, obwohl meine Gedanken dabei ganz durcheinander gerieten: viele von ihnen kannte ich als gute Menschen. Mich selbst hielt ich für sauber und ehrlich; und aus irgendeinem Grunde dachte ich dann auch nicht mehr an die verschwundenen Leute. Ich hatte so etwas von einer dörflichen Schüchternheit, und die Nachbarn im Wohnheim machten sich das zunutze: sie gaben mir nicht das Geld zurück, das ich ihnen geliehen hatte, aßen meine Lebensmittel, und es kam mehrmals vor, daß ich nach zwölf Arbeitsstunden hungrig zu Bett gehen mußte. Da bin ich von dort weggegangen, um mir ein besseres Schicksal zu suchen, bis es mich nach Duschanbe verschlug. Und dort erhielt ich im September 1939 vom Kriegskommissariat den Gestellungsbefehl, durchlief eine Untersuchungskommission und wurde zu den Panzertruppen in die Ukraine geschickt. Der Militärdienst gefiel mir, das Lernen fiel mir leicht: ich war der Beste in der militärischen und politischen Ausbildung.

Unsere Einheit nahm an den bekannten Ereignissen an der Westgrenze teil und war in dem kleinen Städtchen Slotschewo im Gebiet Lwow untergebracht.

Die Beschäftigung mit taktischen Fragen, das Erlernen von Techniken mit neuen Reservetruppen, die Ausübung des Wachdienstes – alles ging seinen Gang. Auf den ersten Blick herrschte in unserer militärischen Abteilung Eintracht, und es kam auch nicht der Gedanke auf, daß meine Waffenbrüder in Zusammenhang mit der Sonderabteilung stehen könnten. Möglicherweise wußte auch irgendjemand davon, hatte aber Angst davor, die anderen vorsorglich zu warnen, damit sie in ihren Unterhaltungen etwas vorsichtiger waren.

Und dabei flog so alles mögliche heraus: Witze, Äußerungen der Unzufriedenheit über irgendetwas ... Niemand konnte ahnen, daß Winogradow, der Duckmäuser, der kaum lesen und schreiben konnte, jede Kleinigkeit meldete. Besonders erlaubte man ihm, Gespräche auf politische Themen zu bringen. Manch einer wandte sich ab und ging fort, andere lachten, und mancher warnte ihn sogar, daß er vorsichtiger sein sollte. Und er erdichtete Denunziationen und schrieb anderen das zu, was er selbst gesagt hatte, und jene verschwanden einer nach dem anderen. Am 26. Dezember 1940 verhafteten sie auch mich. Weswegen? Für welches Verbrechen? Ich fühlte mich unschuldig? Erst als sie mich verprügelten begriff ich, daß dies eine ernsthafte Angelegenheit war. Der Untersuchungsrichter antwortete auf meine Frage „Weswegen?“ – „Wenn wir einen Menschen hierhaben, dann suchen wir auch eine passende Strafakte für ihn!“ Und dort im Kabinett des Ermittlungsführers erfuhr ich dann auch von der Denunziation Winogradows, in der er seine eigenen feindlichen Ausfälle mir zumünzte. Man beschuldigte mich des Terrorismus, der antisowjetischen Agitation und des Vaterlandsverrats. Ich versuchte eine Erklärung abzugeben, aber ein Schlag mit dem Pistolengriff zerschmetterte meine linke Wange. Der Untersuchungsrichter stellte klar: „Wenn du ein ehrlicher Mensch wärst, dann wärst du zu uns gekommen und hättest alles erzählt. Aber du hast dich versteckt und nicht dabei geholfen die Verbrecher zu überführen. Das heißt also, du wolltest, daß alle es hören!“ Das Blut rann mir übers Gesicht und vermischte sich mit den Tränen bitterer Kränkung. Noch nie hatte mir jemand ins Gesicht geschlagen. Sie brachten mich in die Zelle. Der begleitende Hauptfeldwebel gab mir scheinbar voller Mitleid den Rat, meine Schuld lieber zu bekennen, damit ich am Leben bliebe. Und da saß ich nun in der Einzelzelle. Tödliche Stille, dunkle, nackte Wände, eine matte Glühbirne hinter einem Drahtnetz. Was sollte ich tun? Die Lüge auf mich nehmen? Nein, das war mir micht möglich. Ich mußte durchhalten. Aber mir erschien die Stimme des Ermittlungsführers: „Wir haben Mittel, deine Zunge zu lösen und dich zum Reden zu bringen“. Im Kopf war alles ganz durcheinander. Wie sehr wollte ich mich jemandem anvertrauen, einen Rat erhalten. Meine Seele war schwermütig. So verstrich die Nacht, in quälendem Nachdenken, und als der eintretende Aufseher rief: „Buchstabe „S“ raustreten“, da blickte ich mit Befremden um mich: denn ich war der einzige in der Zelle.

Im Korridor brüllte der Begleitsoldat: „An die Wand stellen!“ Und da sah ich, wie zwei Begleitwachen einen schrecklich zusammengeschlagenen Mann hinter sich her schleiften. Ich war eiskalt vor Schreck: Bedeutet dies, daß auch ich das aushalten mußte? Der Untersuchungsführer teilte mir mit, daß man mich in den Kiewsker Wehrbezirk überführen würde und gab mir den Rat, nicht eigensinning und dickköpfig zu sein, sondern alles zuzugeben, da ich sowieso alles unterschreiben müßte. Er bedauerte, daß er nicht selber das Untersuchungsverfahren hatte zuende führen können, sonst hätte er als Belohnung 175 Rubel erhalten. Das versetzte mir einen tiefen Schlag: Geld war also mehr wert, als ein menschliches Leben. Ich beschloß eine Frage zu stellen: „Wieviel bekommt man, wenn man nicht schuldig ist?“ – „Das kommt darauf an, wie du dich führst. Ungefähr fünf Jahre“. Ich erschrak: und wieviel, wenn man seine Schuld zu gibt?!

In der Zelle liefe ich hastig hin und her – von einer Ecke in die andere. Ich wollte nichts essen, der Haß auf den Ermittlungsrichter schnürte mir die Kehle zusammen. Wie er gelächelt hatte, als er mir seine Ratschläge gab!

Am Morgen lieferte ein „schwarzer Rabe“ mich am Bahnhof ab. Merkwürdig, aber die Männer, die mich begleiteten, waren meine Kameraden aus dem zweiten Militärzug, gute Jungs! Anfangs war es eine unangenehme Situation; es war mir peinlich, ihnen in die Augen zu sehen. Sie nahmen das Abteil ein, und sobald der Leiter der Begleitwachen fortgegangen war, fingen sie hastig an zu erzählen, daß noch drei Mann aus der Einheit verhaftet worden waren – Tkatschuk, Jakowlew und Loktionow. Ich berichtete ebenfalls schnell von Winogradow und dem Verhör. Die Jungs verhielten sich mir gegenüber voller Mitleid und gaben mir sogar eine Eßration. Und ich dachte an meine Heereskameraden. Was sollten das für Feinde sein? Jakowlew konnte auch keine Briefe nach Hause schreiben, weil er kaum lese- und rechtschreibkundig war. Anatolij Tkatschuk war ein Spaßvogel, ein prächtiger, fröhlicher Bursche, und Laktionow besaß Vierklassen-Bildung – was sollte der schon für ein Spion sein! Sie alle, ebenso wie ich, wurden unter der Sowjetherrschaft geboren; unsere Eltern waren einfache Bauern, andere Obrigkeiten hatten sie nicht kennengelernt.

Während sie uns durch die Straßen Kiews führten, wagte ich nicht, zu den Menschen empor und in ihre Augen zu blicken, konnte nicht abwarten, bis wir an Ort und Stelle angekommen waren.

In einem separaten Zimmer wurde ich gründlich durchsucht. Ich stand völlig nackt da, mit hocherhobenen Händen, und in dieser Zeit tasteten sie an meiner Soldatenkleidung jede Naht ab. Danach unterzogen sie meinen splitternackten Körper einer eingehenden Untersuchung.

Und wieder – eine Einzelzelle. Und wie gern hätte ich mit jemandem ein paar Worte gewechselt!

Am Morgen machte ich die Bekanntschaft eines neuen Ermittlungsführers, der mich an den gepflegten, geschniegelten Oberst aus dem Film „Tschapajew“ (UdSSR-Film von 1934; Anm. d.Übers.) erinnerte. Jenen Glatzkopf mit den vor Fett triefenden Augen. Der Unterschied bestand lediglich darin, daß jener flink mit den Fingern über die Tasten eines Flügels glitt, während dieser träge irgendwelche Papiere durchblätterte. Nach langem Schweigen begann er mit dem Verhör. „Sag die Wahrheit. In welchem Jahr hast du damit begonnen, dich mit antisowjetischen Tätigkeiten zu beschäftigen? Du bist ein Volksfeind, hast Massenagitationen durchgeführt, den Kommandostab bedroht, wolltest das Vaterland verraten, auf die Seite des faschistischen Deutschland überlaufen. Du mußt dich schuldig bekennen; hier kommst du sowieso nicht raus.“ Ich erkläre mich mit den Anschuldigungen nicht einverstanden, versuche meine Unschuld zu erklären, aber er fällt mir ins Wort: „Alles Lüge, alles Unsinn, es reicht mir; los, sag die Wahrheit!“ Und er schreibt die ganze Zeit, zerreißt die Blätter wieder, schreibt erneut, schäumt vor Wut. Schließlich gibt er mir die Blätter und verlangt, daß ich unterschreiben soll. Ich weigere mich. Rasend vor Wut brüllt er: „Wir werden dich sowieso dazu zwingen! Unterschreib endlich!“ – „Ich werde mir nicht selber etwas anhängen!“ Und plötzlich durchschoß mich ein Schmerz, als wenn man mir einen Metallstab unter die Haut geschleudert hätte. „Das ist erst der Anfang“ – murmelte der Untersuchungsrichter zwischen seinen Zähnen hindurch, und dann brachten sie mich in die Zelle.

Und es vergingen schreckliche Tage. Ich war entsetzlich erschöpft von den häufigen nächtlichen Vorladungen, sie wandten dort „Gymnastik“-Methoden an. Ich begann schwach zu werden: die Augen waren eingefallen, die Nase ragte spitz hervor, man konnte die Rippen zählen. Ich fühlte den Verfall meiner Kräfte, Arme und Beine wurden dünn, als ob es in ihnen überhaupt keine Muskeln mehr gab. Sollte denn das Leben schon zuenede sein? Ich hatte doch noch nichts gesehen und wollte so gern leben! Im Gegenteil, oft schien es so, daß ich schon nichts mehr brauchte, und ich hatte auch gar nicht den Wunsch mich zu bewegen. Bei einem der Verhöre erfuhr ich, daß Jakowlew, Tkatschuk und Loktionow gestanden hatten, daß ich mich mit ihnen zusammen in einer Gruppe mit Schädlingstätigkeiten befaßt hatte. Später stellte sich heraus, daß sie sich überhaupt nicht der Tatsache bewußt geworden waren, wozu eigentlich in den Protokollen einige Stellen unbeschrieben geblieben waren. Aber am Ende des Untersuchungsverfahrenes zeigten sie ihnen ihre „Zeugenaussage“ - mit ihren Unterschriften. Bei der Gegenüberstellung bestätigten sie ihre Zeugenaussage in der Hoffnung, die Wahrheit vor Gericht ans Tageslicht zu bringen.

Und ich wurde in eine allgemeine Zelle verlegt. Dort freundete ich mich mit dem Seemann Nikolaj an, er klärte mich darüber auf, daß man mir einen Gruppenfall „angehängt“ hatte, und ich jetzt schon nicht mehr in die Freiheit entlassen würde: entweder Tod durch Erschießen oder 10 Jahre Freiheitsentzug. Nikolaj brachte mir das Gefängnis-Alphabet (Klopfzeichen; Anm. d. Übers.) bei, und bald wußte ich, wo meine podelschiki (diejenigen, die mit mir unter der gleichen Strafakte verurteilt waren; Anm. d. Übers.) sich befanden. Die Hoffnung auf eine gerechte Gerichtsverhandlung verließ uns nicht, wenngleich sie nach Gesprächen mit früheren Verhafteten schwächer wurde.

Zwei Wochen später, bei geschlossenen Türen, fand die Gerichtsverhandlung unter dem Vorsitz von General Morosow statt. Sie teilten uns die Paragraphen mit, nach denen wir verurteilt worden waren, aber niemand von uns begriff, was das für Artikel, was für Paragraphen waren. Die Zeugen (einer von ihnen war Winogradow) verwickelten sich in Widersrüche, als sie uns unter die Augen traten. Aber der Richter ermutigte sie: „Haben Sie keine Angst, die sind in sicheren Händen“.

- Bekennen Sie sich schuldig?“

- Nein. Alles Lüge.

- Erzählen Sie: womit haben Sie sich in den Reihen der Roten Armee beschäftigt?

Ich habe dort meinen Dienst versehen. Ich war Bestarbeiter in der militärischen und politischen Ausbildung.

- Das wissen wir. Das brauchen Sie nicht zu erwähnen. Erzählen Sie, wie Sie die Autorität der Kommandeure untergraben und die Soldaten ihrer militärischen Einheit demoralisieren und zersetzen wollten.

Ich fühlte, daß meine Kehle wie ausgetrocknet, die Zunge wie festgewachsen war.

- Schweigen ist ein Zeichen von Zustimmung. Punkt 8 bleibt also in Kraft. Als nächstes: Punkt 10. Wann und wo haben Sie unter den Soldaten Agitationen gegen die Sowjetmacht durchgeführt?

- Das ist eine Lüge, Genosse Richter.

- Ich bin nicht Ihr Genosse. Die Zeugen haben alles bestätigt, das Ermittlungsverfahren hat den Beweis für alles erbracht. Erzählen Sie, wie Sie das Vaterland verraten wollten.

Ich unterdrückte mein Lächeln nicht, als Winogradow alle Anschuldigungen bestätigte. Der Richter überschüttete mich mit Vorwürfen: „Du beleidigst also ein sowjetisches Gericht! Du machst dich lustig darüber! Damit wirst du nicht so einfach davonkommen!“

Loktionow versuchte während des Verhörs zu beweisen, daß er die Protokolle erst unterschrieben hatte, nachdem er geschlagen worden war. Der Richter wurde zornig: „Das ist nicht wahr, bei uns wird nicht geschlagen!“ Loktionow bekräftigte noch einmal, daß man ihn verprügelt hatte und daß vieles in sein Protokoll hineingeschrieben worden war. Der Richter meinte spöttisch:

- Seht ihn euch an! Geschlagen haben sie ihn, die Protokolle haben sie gefälscht! Wer hat dir das Recht gegeben, die sowjetischen Organe in Verruf zu bringen?

Loktinow beschwor die Richter, beteuerte seine Unschuld, aber es war alles umsonst. Es wurde sowieso nicht geglaubt, daß die Verhandlung mit einem ungerechten Urteil endete. Wir bekamen das letzte Wort. Alle baten darum, die Angelegenheit aufzuklären. Loktionow bat seine Jugend zu berücksichtigen und ihn nicht zugrunde zu richten. Und plötzlich diese schrecklichen Worte: „Das Militärtribunal des Kiewer Wehrkreises verurteilt die Angeklagten Alexander Jakowlew, Anatolij Tkatschuk und Boris Sintschurin nach § 54, Absatz 1b, 8 und 10 zu Höchststrafe: Tod durch Erschießen, den Angeklagten Georgij Loktionow nach § 54, Absatz 1b, 8 und 10, unter Berücksichtigung der Tatsache, daß er kaum lesen und schreiben kann und weil er Reue zeigt, zu 10 Jahren Haft“. (§ 54 des Strafgesetzes der Ukrainischen SSR entspricht dem zu trauriger Berühmtheit gelangten § 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR. 1b – Vaterlandsverrat, 8 – Terror, 10 – antisowjetische Agitation. Anm. d. Red).

Mit 20 Jahren Tod durch Erschießen – unschuldig!

Unter verschärfter Bewachung brachte man uns mit einem „schwarzen Raben“ in die Todeszelle. Unterwegs weinte Loktionow, warf uns Widerstand vor, und in meiner eigenen Seele war nichts als Leere. Es war nicht zu glauben, daß dies schon das allerletzte Ende war. Ich stellte mir die Frage: „Wem nützt so etwas?“ Vielleicht ist es vor dem Krieg für die faschistische Spionage vorteilhaft, so viele Menschen zu vernichten? Aber es gibt doch den Nichtangriffspakt! Die Gedanken waren völlig durcheinander.

Lukjanowka. Wieder eine sorgfältige Durchsuchung; durch einen dunklen Korridor, vorbei an eisenbeschlagenen Türen mit riesigen Schlössern, brachten sie uns in die Todeszellen. Das waren feuchte, moosbedeckte, unterirdische Verliese mit einem nackten Zementfußboden, auf dem wir auch schlafen mußten, und einer matten Glühbirne mit niedriger Spannung. Anstelle von Fenstergittern waren 10 mm Stahlplatten mit zwanzig 5 mm-Löchern durchbohrt, durch die nur schlecht Luft hindurchdrang. Dort saßen bereits Menschen, und es wurde einem ein wenig leichter ums Herz. Da war der Veruntreuer Menis, ein Jude: er hatte sich bei irgendwelchen Geschäften mit Trikotagen drei Millionen angeeignet. Es waren zwei Brüder, Polen, dort; Stasik und Jusef, ein Student namens Pantelejmon oder Panko, wie er sich nannte.

Bei der Ermittlung hatte Panko alles zugegeben, in der Annahme, daß jeglicher Widerspruch zecklos wäre und man vor seinem Schicksal nicht fortlaufen könnte. Die ganze Nacht unterhielten sie sich, führten Streitgespräche über Schicksal, Wahrheit und Lügen.

Am Morgen brachten Sie noch einen; er hieß Pan Schpatschinskij, ein Bauingenieur aus Lodz. Er war ein Humorist und munterte unser Leben irgendwie ein wenig auf. Erbittert stritt ich mit Panko in Erwartung einer Antwort auf die Berufungsbeschwerde. Später hat auch er aufgegeben: er weinte, sehnte sich nach seiner Familie, verkroch sich in eine Ecke und blieb dort stundenlang schweigend sitzen. Sie führten ihn in einem Zustand friedlicher Geistesgestörtheit aus der Zelle. In den Nachbarzellen saßen Studenten und Lektoren der Institute für Pädagogik un Technologie. Unter ihre Strafakte fielen 57 Personen gemäß § 54-8, 54-11, 56-6 und die UPN (Ukrainische Nationalpartei). Sechs von ihnen wurden zur Höchststrafe verurteilt: Grigorij Prazuk, Iwan Poleschtschuk, Ignatij Poleschtschuk, Josif Kusnezow, Boruch Kaganowitsch, Angelina Lewtschenko. In der Nacht des 17. April wurden sie in ein 40 km von Kiew entferntes Waldgebiet nahe Schmerinka abtransportiert und dort erschossen. Die anderen wurden zu unterschiedlich langen Haftstrafen in Besserungsarbeitslagern verurteilt. Dort wurde der Kommandeur der Proskutowsker Garnison Bobkin erschossen. Seine Ehefrau war Polin, und das bedeutete – eine polnische Spionin.

So vergingen 63 Tage. Früher als alle anderen erhielten ich und zwei von denen, die mit mir in derselben Strafsache verurteilt worden waren, eine Antwort auf unsere Berufungsklage. Sie führten uns in den Korridor hinaus; dort wechselten wir Blicke miteinander. Was würde uns erwarten? Sehr lange raschelte der Leiter des Sondergefängnisses mit einem Stück Papier. Endlich hören wir ihn sagen: „Die Höchststrafe wurde abgeändert in zehn Jahre Besserungsarbeitslager...“. Wie gern hätten wir unseren Zellengenossen das mitgeteilt, aber es gelang uns nicht. Hände auf den Rücken – und ab in den dritten Stock, vorbei an Gittern und Wachtposten, in die Zelle 3/93.

Die Zelle war bis an den Rand mit Menschen vollgestopft. Statt der normal üblichen 20 Mann befanden sich in dieser Zelle 80 Personen. Sie lagen auf dem blanken, kalten Zementboden, jeweils mit den Füßen am Kopfende des anderen, und wenn einer sich umdrehte, dann mußten sich praktisch alle Zellenbewohner mit umdrehen. Sofern man den Kübel für die Notdurft aufsuchen mußte, verlangte einem das eine ziemlich große Virtuosität ab, um nicht auf irgendjemandes Bein oder Kopf zu treten. Die drückende Schwüle, die stickige Luft versetzten viele in Ohnmachtszustände. Man leistete ihnen jedoch keine Hilfe. Die Menschen, die auch so schon böse waren, reagierten auf jede Kleinigkeit – man brauchte nur unvorsichtigerweise seinen Nachbarn anzusprechen – und schon gab es Ärger. Und wenn beim Austeilen der Wassersuppe ein heißer Tropfen herausschwappte – auch dann war das Anlaß genug für einen Skandal.

Der Leiter des Gebäudeteils, Kareba, lief stets mit aufgeschnallter Revolvertasche herum; die rechte Hand hielt die Nagan-Pistole, die linke schwenkte er hin und her, wobei er 2-3 , manchmal auch 5, Finger herausstreckte – und das bedeute, daß er heute die entsprechende Anzahl an Leuten erschießen konnte.

Aber dennoch war dies das Leben. Vor uns lagen die Lager, und wir träumten sogar von ihnen: bald würden wir an der frischen Luft sein! Am 22. Juni setzte Sirenengeheul ein und man hörte das mächtige Getöse von Motoren und das Dröhnen der Fliegerabwehrgeschütze. Alle begriffen: der Krieg war ausgebrochen. Bei mir flammte die Hoffnung auf freigelassen zu werden: schließlich war ich doch Panzersoldat! Am 25. Juni riefen sie mich aus der Zelle. Frohgelaunt dachte ich: „Es geht an die Front!“ Aber sie gaben eine Essensration für einen Tag und eine Nacht an uns aus und jagten uns mit einer Etappe nach Neschin. Aber jene, die schon nicht mehr evakuiert werden konnten, wurden in ihren Zellen mit ungelöschtem Kalk bedeckt. Das verätzte Fleisch löste sich von den Knochen, der kahle Schädel rieselte bei Berührung wie Sand herab. Sie trieben uns an wie Vieh. Ein Schritt zu weit nach links, ein Schritt zu weit nach rechts – und die Wachen werden ohne Vorwarnung schießen. Drückende Schwüle. Sie wollten so gern trinken, waren wie in bitter-salzigem Schweiß gebadet. Aber sie mußten weiter, um am Leben zu bleiben. Uns entgegen kam eine Panzerkolonne, Fahrzeuge mit angehängten Geschützen, Soldaten mit Gewehren. Wir wurden häufig bombardiert – nicht nur mit Bomben, sondern auch von Eisenbahnschienen mit durchgebohrten Öffnungen. Wenn die Schienen zu Boden fielen, gaben sie einen heulenden, pfeifenden Laut von sich. Vor lauter Angst hätte man sich am liebesten in die engste Ritze verkrochen. Hinterher kamen die „Messerschmidts“, die aus Maschinengewehren feuerten. Es gab viele Tote und Verwundete; sie wurden mitgenommen. Gegen Abend kamen wir in Neschin an; die Toten wurden in einer eilig ausgehobenen Grube beigesetzt, und uns verlud man auf einen Zug. Wir fuhren durch Konotop: dort waren die Schienen wie zu einem Knäuel zusammengedreht, drumherum stark beschädigte Waggons, ein Flammenmeer. Ringsumher wütete der Krieg, und uns, die Jungen und Gesunden, transportierten sie in den Osten. In der Nähe von Orel wurde unser Zug bombardiert. Die Leute fingen an zu schreien und an die Türen zu klopfen. Ein besonders schrecklicher Schrei wurde aus dem Frauenwaggon zu uns herübergetragen. Die Begleitwachen feuerten auf die Waggons. Aber die Türen öffneten sie nicht.

Bis nach Nowosibirsk waren wir einen Monat unterwegs. Zu essen gab es selten, Wasser bekamen wir auch nicht genügend. An der Station Schkuratowo fand aus irgendeinem Grunde eine Filzung statt: waggonweise jagten sie die Menschen ins Freie und, ohne sich vor den Frauen zu schämen, zogen diese sich splitternackt aus.

Das Lager Bugry lag nordöstlich von Nowosibirsk am rechtsseitigen Ufer des Ob. Die Häftlinge lebten in Zelten: Doppelpritschen ohne Bettzeug – schließlich hast du einen Mantel, der als Decke und Matratze gleichzeitig dient; und nachts zog es durch sämtliche Ritzen. Die schwere Arbeit beim Bau des evakuierten Flugzeugwerkes und in den Steinbrüchen, die Kälte und der Hunger, erbitterten die Menschen. Eine Kommission kam angefahren, um Leute für die Front auszuwählen, und dann verbreiteten sich in Windeseile Gerüchte über die Zusammenstellung einer Etappe. Alle beteten zu Gott: bloß nicht nach Kolyma! Über Kolyma und Garanino kursierten schreckliche Gerüchte ... Aber man schickte uns ins MarLag (in die Mariinsker Lager). Vor der Abfahrt brachten sie Brot, eine Tagesration. Eine Schlägerei begann; man riß sich gegenseitig das Brot aus den Händen, und viele mußten ohne ihre Ration auskommen. Und mit solchen Schakalen mußte man zusammenleben!

Die Suslowsker Abteilung befand sich inmitten eines freien Feldes. In der Zone standen große Reparatur-Werkshallen. Mir wurde leichter ums Herz: endlich würde ich entsprechend meiner beruflichen Qualifikation arbeiten können. Und da erinnerte ich mich an mein Urteil: mit schwerer Arbeit sollte ich für meine Schuld büßen. Ob sie mir da überhaupt Zutritt in die Werkstatt verschafften?

Ich und Jascha, ein Ingenieur und Mechaniker, mit dem ich noch in Bugry Bekanntschaft geschlossen hatte, wurden in ein und derselben Baracke untergebracht. Gegen Abend trafen die Brigaden von der Arbeit ein. Der Brigadeleiter Demin meldete uns in seiner Brigade an, in der sich insgesamt 288 Mann befanden. Lange fand ich keinen Schlaf, stellte mir die Werkshalle, die Werkbank und die Arbeit dort vor. Wir wurden für eine Probezeit von zwei Wochen eingestellt, denn in die Werkstatt bemühten sich auch jene hineinzukommen, die noch nicht einmal eine Schraubenmutter von einer Unterlegscheibe auseinanderhalten konnten. Die Brigade sammelte sich um sechs Uhr morgens an der Wache, nach dem Frühstück und dem Arbeitsappell. Beim Betreten des Werkstattbereichs ließ man sie erneut durchzählen. Die Werkshallen waren vorsintflutlich ausgestattet, Ersatzteile gab es fast überhaupt keine. Werkstattleiter Doroschenko schickte uns los, um landwirtschaftliches Inventar zu reparieren. Es schien, als ob das Leben in Unfreiheit gar nicht so schrecklich verlief: im Winter im Warmen, im Sommer unter einem Dach. Das war schon eine Menge wert.

Sie gaben Bastschuhe und Socken aus, die aus Watte gemacht waren, sowie Strickjacken mit verschiedenfarbigen Ärmeln. Durch derartige Kleidungsstücke blies natürlich der Wind. Manchmal, wenn wir zum Arbeitsappell gingen, und man so seine Augen umherschweifen ließ, dann war der Anblick dieser zerschlissenen Kleidung, welche die Leute anhatten, ganz schrecklich. Und so waren sie nicht nur moralisch völlig niedergeschlagen, sondern auch die Kleidung machte aus ihnen regelrechte Vogelscheuchen; die hübschen oder klugen Gesichter waren überhaupt nicht zu erkennen. Sie demütigten den Menschen so sehr sie nur konnten. Und auch die Kriminellen waren darum sehr bemüht: die anderen sollten für sie arbeiten, Beleidigungen von ihnen fernhalten, ihnen von ihrem Essen abgeben. Niemals fiel ein Wort der Widerrede, sonst konnte es ihnen passieren, daß sie beim Kartenspielen verloren, sich splitternackt ausziehen mußten, übel zugerichtet wurden, bis sie halb tot waren, oder mit Beschimpfungen überschüttet wurden. Oft eignete sich ein gewöhnlicher Rowdy ganz oberflächlich das Gehabe der Oberschicht der Blatnye (Berufsverbrecher; Anm. d. Übers.) an, ganz versessen darauf, die Macht über die anderen zu erlangen, sich mit Liebedienern zu umgeben, und wenn ein neuer Häftlingstransport eintraf, in dem sich echte Diebe befanden, dann wurden die selbst ernannten Herrscher selbst zu Liebedienern der neu angekommenen Herren.

Im Lager gab es vier Häftlingskategorien:

1. Diebe, die bereits zum wiederholten Male verurteilt worden waren. Die gesamte Macht lag in ihren Händen.

2. Die sogenannten „suki“ („Hündinnen“; Anm. d. Übers.) – ebenfalls Diebe, die aber in den Diensten der Lagerleitung standen (als Wächter, Pförtner, usw.). Zwischen Dieben und Hündinnen herrschte eine unversöhnliche Feindschaft. Das ging sogar soweit, daß regelrechte Gemetzel unter den einzelnen Baracken stattfanden, solange bis die Wachen sich einmischten.

Die Macht im Lager hing bis zur Ankunft einer neuen Etappe davon ab, wer in der Überzahl war: die Diebe oder die Hündinnen.

3. Die Selbternannten, die sehr bemüht waren, sich bei den Dieben anzubiedern. Sie benahmen sich den Dieben gegenüber äußerst diensteifrig, waren aber sehr grausam zu den übrigen. Die Diebe benutzten sie für ihre Interessen und hoben sie bald in den Himmel, bald ließen sie sie fallen. Die Selbsternannten brachen uin die Baracken ein, nahmen den Arbeitern alles weg, was sie für nützlich hielten und richteten sie übel zu. Von den Dieben wurden sie an vorteilhaften Orten untergebracht: in der Bäckerei, in der Küche, beim Brotschneiden ...

4. Arbeiter, Bauern – das waren wir, die übrigen.

In der Suslowsker Abteilung gab es zwei Zonen: eine unter der Aufsicht von Wachmannschaften, die andere ohne. Die dritte Zone war die Strafzone mit dem Isolator, dem Strafbunker. In der Bewachungszone standen vier Baracken; in jeder waren zwischen 380 und 400 Mann untergebracht. Eine von ihnen nannte sich „Indien“. In ihr lebten die hoffnungslosesten Kriminellen. Eine Baracke war nur für Frauen, die fünfte für die Vitaminmangel-Erkrankten. Sie sahen schrecklich aus! Lebende Skelette. Arme und Beine waren dermaßen dünn, daß es so schien, als würden sie jeden Moment durchbrechen. Die Rippen stachen hervor, die Rippen lagen tief in den Höhlen. Man bezeichnete die Menschen als lebendige Leichen. Ihre Haut sah aus wie Fischschuppen. Beim Anblick dieser Leute, die bereits dem Untergang geweiht waren, hatte man ein Gefühl, als wenn einem Ameisen über den Körper liefen. Unter Lagerbedingungen galt Pellagra als unheilbar. Den Toten wurde an den großen Zeh des linken Beines ein beschriftetes Schildchen gebunden; dann legte man sie wie Brennholz auf einen Schlitten und transportierte sie ab in die dritte Zone. In den Gräbern wurden sie übereinander gestapelt. In den Jahren 1942 und 1943 brachten sie wöchentlich bis zu 40, 50 Menschen in diese dritte (Friedhofs-) Zone.

Worum ging es hier eigentlich? Weshalb konnten unter gleichen Lagerbedingungen einige Menschen einen derartigen Zustand der völligen Entkräftung erreichen, während andere lebten und arbeiteten? Ich glaube, daß sie in den meisten Fällen selber schuld waren. Diejenigen, die nur zu einer kurzen Freiheitsstrafe verurteilt waren, hofften ein leichteres Leben zu haben: keine Schwerstarbeiten verrichten zu müssen, aktiert (als Arbeitskraft abgeschrieben zu werden; Anm.d. Übers.) zu werden. Dafür verkauften sie ihre Essensration für drei Monate im voraus und kamen so ins Krankenhaus. Die ganz Gerissenen unter ihnen durchsuchten die Kleidung, fanden verstecktes Geld für den Freigang aus dem Lager, aber die Kleidung veräußerten sie. Eine Ration Brot kostete 100 Rubel, ein Glas Tabak ebensoviel. Das Brot wurde gegen Tabak eingetauscht, damit sie bloß etwas zu rauchen hatten, und dann gingen sie zur Abfallgrube und suchten dort nach Eßbarem. Wie man sieht, kam es also tatsächlich vor, daß die Pellagra-Kranken mit zitternden Händen ihr Brot gegen Tabak herausgaben, aber in ihren Augen stand das Verlangen: wie gern hätten sie beides gehabt. Sie wollten listiger und durchtriebener sein als die anderen: einige von ihnen hatten Angst an die Front zu kommen, sie setzten ganz besonders alles daran, um an schwerem Vitaminmangel zu erkranken, in der Hoffnung, nach ihrer Freilassung wieder ganz gesund zu werden; sie waren der Meinung, daß sie den Friedhof umgehen konnten.

Du siehst sie an und denkst: wenn du nur ein Mensch bleibst und bloß nicht so wie die andern wirst. Ich verkaufte meine Ration nicht, sammelte kein Geld an, bemühte mich am Leben zu bleiben. Es bestand die Möglichkeit, in den Werkstätten heimlich Bestellungen der Freien auszuführen, und die bezahlten mit Lebensmitteln.

Die Menschen litten Qualen, obwohl sie unschuldig waren, lebten unter unerträglichen Bedingungen und gingen aufgrund der alle Kräfte übersteigenden Schwerstarbeit bis zum äußersten: sie hackten sich die Gliedmaßen ab, entfernten den Emaille-Überzug von ihren Zähnen und brachten es mit Hilfe von Nadel und Faden in den Organismus ein, atmeten gezuckertes Mehl ein, damit sie Blut husten konnten. Sie brachten es fertig, unter die Haut einen Faden zu legen, der mit Kerosin getränkt war.

All das waren Symptome für Tuberkulose und gaben Anlaß zu der Hoffnung sich in der Krankenstation erholen zu dürfen. Meist endete das Ganze jedoch mit einer Blutvergiftung und in der dritten Zone.

Für die Anzahl der Kranken gab es ein bestimmtes Limit. Irgendwie wurde ich krank, hatte 38,9° Fieber. Der Arzt wußte, daß ich in der Werkstatt arbeitete; er sagte: „Du benötigst Bettruhe, du hast eine schlimme Grippe; aber du wirst dich weiter in der Werkstatt herumquälen müssen, denn ich kann dir keine Freistellung von der Arbeit erteilen. Der Grenzwert ist schon zu 100% erreicht. Da haben sie einen mit einem völlig zerschnittenen Bauch hergebracht, das Blut floß nur so heraus – und prompt haben sie mir eine Rüge erteilt, weil ich über die Norm hinaus eine Arbeitsfreistellung ausgesprochen habe. Sei nicht beleidigt, aber mir ist mein Arbeitsplatz wichtig!“

Wie lebhaft sehe ich jetzt diesen Arzt vor mir. Der Arbeitsplatz war ihm wichtig! Wenn es auch nichts gab, mit dem man die Menschen behandeln konnte, außer Jod und Kalzex, so kann man doch auch mit guten Worten Heilung verschaffen!

Das Jahr 1942 gestaltete sich im Lager besonders schwer. Das Brot aus Hafer konnte man nur lutschen. Der erste und zweite Gang bestand aus Brennesseln ohne irgendwelche Zutaten. Hilfe brauchte ich von niemandem zu erwarten: der Vater war tot, meine Brüder an der Front, und meine Mutter, die nicht lesen und schreiben konnte, sowie meine Schwester konnten sich auf dem Lande kaum selbst über Wasser halten. Lange Abende weilten meine Gedanken bei den Verwandten und dem so furchtbar ungerechten Leben. Es wäre leichter gewesen das Unglück zu ertragen, wenn man wenigstens eine gewisse Schuld in sich gefühlt hätte.

Aber auch unter diesen Bedingungen holte die Jugend sich ihr Recht. Mit den Frauen entstanden kurze Kontakte, aber auch Liebesbeziehungen. Jedoch mußte sich alles immer heimlich abspielen, sonst wurden sogleich Maßnahmen ergriffen, um das zu unterbinden: man wurde voneinander getrennt und an verschiedene Lagerpunkte geschickt. Es gab zahlreiche Beispiele ziemlich wilder Szenen: sowohl Schlägereien wegen der Frauen, als auch Messerstechereien, Gewalttätigkeiten in Gruppen und vieles mehr. In der Frauenbaracke gab es auch Prostituierte. Die einen verkauften sich für eine Essensration, andere drückten sich von der Arbeit und bemühten sich, etwas näher an die Diebe heranzurücken und sie mit ihrem Körper zu bezahlen, wiederum andere hatten lediglich ihren Stolz verloren: sie verkauften sich nicht, sondern gaben sich jedem hin, egal wem. Ich verurteile niemanden, denn jeder war ja nur darum bemüht, so gut er konnte zu überleben. Ich sympathisierte mit den anderen Frauen, die zu Opfern geworden waren. Die Diebe sagten derjenigen, die ihnen gefiel geradeheraus, daß sie nach „Indien“ kommen sollte, sonst würde es ihr schlecht ergehen.

Es ist unangenehm und sehr peinlich, die Beschimpfungen zu beschreiben; mit Wahrheiten und Unwahrheiten erreichten Sie den Zutritt in die Baracke, und dann wurde Ordnung geschaffen.

Sie spielten Karten und verspielten dabei alles , was sie hatten, sogar ihre Essensration. Die schmutzigen, hungrigen Menschen stürzten sich in Schlägereien. Sie verspielten ihre Essensrationen für einen ganzen Monat, waren schon bis zum Skelett abgemagert, aber sie prahlten damit, bestahlen die Fleißigen und wühlten in den Abfällen. Solche Häftlinge erwartete häufig nur noch das Grab. Die anderen betrachteten das mit Gelassenheit: er ist verreckt. Na und wem nützten sie hier schon?

Es starben mehr unvernünftige, junge Leute, die versucht hatten, die wiederholt Verurteilten nachzuahmen, sich von den „Arbeitssamen“ fernzuhaltenen, und die befanden sich dann zwischen Himmel und Erde. Wenn man sie rechtzeitig zurechtgewiesen, ihnen geholfen hätte – dann hätten sie überlebt. Dennoch bekamen die Arbeitenden 650 g Brot und zweimal eine warme Mahlzeit am Tag, und wenn sie die Arbeitsnorm gut erfüllten, dann stand ihnen abends noch zusätzlich ein Hafer- oder Gerstenauflauf zu. Aber jene, die in „Indien“ waren, erhielten 300 gr Brot und Wasser – soviel sie wollten.

Trotz der unerträglichen Bedingungen bestand doch die Möglichkeit ein mensch zu bleiben. Und man konnte einen Beruf erlernen, eine Ausbildung zum Schlosser, Chauffeur oder Traktoristen machen. Es war wichtig zu ertragen und standzuhalten, nicht die "Oberschicht" des Lagers zu imitieren und in ihre Abhängigkeit zu geraten. Erniedrigend war die Lage der "Lakaien" (Diener der Gangsterbosse; Anm. d. Übers.). Du siehst sie an und denkst: " Was hat sie gewzungen, solche Liebediener zu werden? Ist es bloß wegen der Essensreste?" Ein Dieb wird nicht anfangen, gemeinsam mit einem Lakaien zu essen, höchstens die Reste gibt er ihm. Und jene sind noch stolz darauf und blicken von oben auf die fleißig Arbeitenden herab. Und die Frauen sind stolz, wenn sie mit einem Dieb schlafen. Die Diebe haben nur eine kurze Haftstrafe, die Lagerverwaltung nimmt Rücksicht auf sie, obwohl sie - das letzte Pack, die letzten Dreckskerle sind. Man ist sehr nachsichtig mit ihnen: die Lebensmittel sind ihnen zugänglich, sie brauchen nicht zur Arbeit gehen, sie besitzen Macht. Sie können einem eifrigen Arbeiter einen Fußtritt versetzen - die Begleitwachen sehen es nicht, sollen die Volksfeinde doch Angst haben, es ist leichter gesetzeswidrig zu handeln. Unzufriedenheit wird niemals ausgesprochen: wer will denn schon erneut den alten Pfad des Untersuchungsverfahrens gehen, den Hohn und Spott ertragen, und die Schmerzen, wenn sie einem Nadeln unter die Fingernägel stießen, die Finger mit den Türen zerquetschten und einen schließlich in den Karzer setzten. So hielten sie ihren Mund geschlossen und öffneten ihn nur zum Essen.

Das Jahr 1942 war für mich ein sehr schwieriges. Alles war mir so widerlich, daß ich mich einmal auf den Weg zu den Wachtürmen machte, um unter den Kugelhagel der Wachleute zu geraten. Die Kameraden halfen mir, sie überredeten die Wachen, keine Dummheiten zu machen und warfen ihnen Kleinmütigkeit vor. Wem sollte man das beweisen? Dem Schützen würde man eine Auszeichnung verleihen. Es gab Fälle, in denen sie von den Wachtürmen einfach in die Brigade hineinschossen, die gerade von der Tagesarbeit in die Zone zurückkehrte. Auch in unsere Brigade schossen sie, fünf Mann wurden verwundet. Was bekam er dafür? Was hatte er davon? Er bekam eine Prämie für seine Wachsamkeit und wurde an einen anderen Lagerpunkt versetzt. Ich riß mich zusammen. Irgendwann hört das alles auf, die Geschichte wird über die Gesetzlosen richten. Wir müssen alles erdulden, damit wir unseren Nachfahren von dem ertragenen Leid erzählen können ...

Die Sterblichkeit im Lager war hoch, ich habe davon schon gesprochen. Aber vieles hing auch vom Menschen selber ab. Leute mit einem schwachen Charakter sterben viel schneller. Und man darf sich nicht auf das Schicksal verlassen, sondern auf sich selbst. Die Lagergesetze waren sehr rauh, für den Diebstahl einer Essensration wurde Selbstjustiz verübt.

Nicht zu vergessen den einen Häftling, der Brot geklaut hatte, der hungernd und mit gierig zitternden Händen dastand. Als sie ihn zu Boden warfen, verschlang er das Brot ohne zu kauen, sammelte die Krümel auf – und währenddessen prügelten sie ganz schrecklich auf seine Beine ein. Ein rothaariger Bursche schlug vor, ihn dreimal ein wenig hochzuheben und dann mit voller Wucht aufs Hinterteil fallen zu lassen. Und so machten sie es auch. Der blutbespritzte Mann lag mitten in der Baracke. Wahrscheinlich hatte er schwerste innere Verletzungen; er rührte sich nicht. Alle gingen auseinander, nur wenige hatten Mitleid mit ihm.

Es gab Gefangene, die lebten wie der Herrgott in Frankreich, sie verkauften Brot, häuften Geld an. Keiner von ihnen half den Hungrigen. Aber es gab auch andere. Irgendwie wurde ich krank, eine dünne Brühe aus Brennesseln rief bei mir Übelkeit hervor. Einer meiner Freunde, Wolodja Maschtaller, eine hochgewachsener, früher einmal kräftiger, breitschultriger und jetzt gekrümmter und abgemagerter Mann, hatte als Zusatz zu seiner Ration noch 20 gr Butter erhalten, weil er als Entkräfteter galt. Er brachte mit diese Butter. Ich nahm sie nicht an, aber er ließ sie trotzdem dort liegen. Als es mir wieder besser ging, wollte ich ihm meinen Dank erweisen. Ich hatte neue Filzstiefel erhalten und beschloß, sie zu veräußern, noch eine Zeit lang in den alten herumzulaufen und die neuen bei einem Häftling gegen Lebensmittel einzutauschen, der im Schlachthof arbeitete. Ich tauschte sie also gegen Schweinespeck und vergrub ihn nachts in der Werkstatt hinter einem Traktor. Mit diesem Häftling, Pawel, freundete ich mich später an, und er war uns eine große Unterstützung. Jetzt dachte ich schon weniger ans Essen, aber dafür mehr an die Freiheit. Der Hunger verwandelte den Menschen in ein Nichts: wer das nicht selbst durchgemacht hat, kann das nicht verstehen. Wir aßen alles, unter anderem auch Hunde. Einmal schnappten wir dem Wachposten einen Hund direkt vor der Nase weg.

Was war das für eine Delikatesse! Die Wachmannschaft vermißte ihn plötzlich, fand jedoch noch nicht einmal den kleinsten Fetzen Fell; wir hatten es verbrannt. Der Hund war wohlgenährt gewesen, er hatte die übliche Soldatenration erhalten: die ließ sich mit der unseren nicht vergleichen!

Es war schon merkwürdig, aber unter den politischen Häftlingen gab es auch Taubstumme. Einer von ihnen war wegen Agitation gegen die Sowjetmacht verurteilt worden. Allerdings war seine Haftstrafe nicht sehr lang: nur 8 Jahre. Und das war so gekommen: er hatte in einem geschäft einen Viertelliter Wodka gekauft, ihn ausgetrunken, sich mit der Hand über den Mund gewischt, auf den Bauch gezeigt und die Arme ausgebreitet – und das hieß, er hatte nach nichts geschmeckt. Und so denunzierten sie ihn und zimmertem ihm eine Akte zusammen. Bei den Vernehmungen „unterschrieb“ er mit den Fingern, die kurz in Tinte getaucht worden waren. Aber dafür erfüllten sie ihr Plansoll, und der Untersuchungsrichter erhielt zur Belohnung eine Gehaltserhöhung.

Im Jahre 1944 kam das Gerücht auf, daß es eine Etappe in den Norden geben sollte. Ich hatte schreckliche Angst dorthin zu gelangen. Es hieß, daß man die Leute dort in die Taiga trieb; dann mußten sie sich selbst eine Zone einzäunen, dann ein Badehaus bauen, den Essensblock und erst gan zum Schluß die Wohnbaracken. Die Häftlinge krümmten sich vor Schmerzen an den Lagerfeuern, vollkommen erschöpft, rußgeschwärzt, Geistern ähnlich. Wenige überlebten. Wer überlebte, blieb mit einer Erkrankung der Lungen, Leber oder des Magens zurück, aber dennoch hofften sie alle, die Freiheit wiederzuerlangen. Die Sehnsucht nach Freiheit stand sogar in den Augen der Sterbenden geschrieben.

Ich erinnere mich noch an den achtzigjährigen Griechen Chutschadschi, einen gutherzigen Menschen, der sich für einen Russen hielt. Er hatte in Stawropol gelebt, und man hatte ihm zehn Jahre wegen „Verbindung zum Ausland“ aufgebrummt. Alle scherzten: er bereitet sich aufs Sterben vor, aber sie lassen es nicht zu und rufen dreimal täglich zum Appell und zur namentlichen Registrierung auf. Sein Sohn starb an der Front und hinterließ zwei Kinder. Die Alte ertrug den Tod ihres Mannes nicht; sie starb. Ich versuchte ihn zu beruhigen. Wir arbeiteten 12 Stunden am Tag, und der Alte mußte Kolonnenarbeiten verrichten. Er starb an der Ruhr, und ich denke noch an seine Worte: „Das Leben, Bruder, mag keine weinerlichen Menschen. Man muß überleben!“ Man mußte für das Leben kämpfen, das hier nichts wert war. Ich sah, wie ein Brigadier einen Fleißigen mit einem Birkenstock verprügelte, weil jener; da ihn die Kräfte verlassen hatten, sich einen Moment hingesetzt hatte, um Luft zu schöpfen. Nicht einmal Vieh wird so geschlagen. Der Mann wand sich vor Schmerzen, das Blut lief ihm aus Mund und Nase, aber er sah gehorsam und ergeben in die Augen seines Peinigers und war nicht in der Lage zu protestieren. Der Bugor (so wurden die Leiter genannt) arbeitete selbst nicht: die Arbeiter waren gezwungen, die Norm für ihn zu erfüllen, aber seine Essensration war größer als die aller anderen. Diejenigen, die Geld besaßen, mußten es an ihn herausgeben. Und den fleißig Arbeitenden blieb nichts weiter als 12 Stunden Arbeit, eine spärliche Brühe, die Mutterflüche des Bugor und Prügel. Aber dennoch gab es Proteste, nicht alle ertrugen das. Sie brachten die Leiter um. Innerhalb eines Jahres wurden 12 von ihnen abgelöst. Nicht zu vergessen die Fälle beim Arbeitsappell. Wir formierten uns zu Fünferbrigaden, plötzlich wurde es laut. Einer der Häftlinge, noch ein ganzer Junge, hatte wohl eine Axt unter seiner gesteppten Wattejacke versteckt, näherte sich von hinten und erschlug seinen Peiniger. Er hatte den Spott nicht ertragen.

Im Jahre 1945 keimte die Hoffnung auf, daß nach dem Sieg eine Amnestie erlassen würde. Den Häftlingen wurde fröhlicher ums Herz, niemand verbarg seinen Wunschtraum von der Freilassung. Es gingen Gerüchte um, daß man damit begonnen hatte, die Fälle zu überprüfen, und daß sie zuerst die Alltagsgauner freilassen würden. Andere wiederum meinten, daß die Haftstrafen von Anfang bis Ende verbüßt werden müßten, daß man nur die Alltagsverbrecher und die Kriminellen in die Freiheit entlassen würde, die beim Staat sehr angesehen waren.

Aber wenn du auch in die Freiheit entlassen wirst, so vergiß trotzdem nicht, daß du ein Volksfeind bist, so daß sie ein Auge auf dich haben werden. Auf eine sehr interessante Art und Weise erklärte uns Nikolaj Iwanowitsch Wosnesenskij unsere Lage, ein kluger Mann, der wissenschaftliche Arbeiten vorzuweisen hatte. Er unterstützte die Hoffnungen auf eine baldige Freilassung nicht, sagte aber, daß sich in der Zukunft alles aufklären würde und man dann einschätzen könnte, wer ein echter Volksfeind wäre. Er sprach auch von der Nutzlosigkeit von Fluchtversuchen, die stets mit der Ergreifung der Entflohenen endeten, weil die Bevölkerung gegen sie eingenommen war. Er berichtete jedoch von einem verzweifelten Leutnant, der den ganzen Krieg hindurch bei den Aufklärungstruppen gekämpft hatte und gegen Kriegsende aufgrund einer Denunziation ins Lager geraten war. Mutig machte er sich aus dem Staub, nicht umsonst war er militärischer Aufklärer, und wahrscheinlich half ihm auch seine Uniform, wenngleich inzwischen die Kragenspiegel und Schulterspiegel entfernt worden waren.

Am 9. Mai 1945 hatten alle beim Arbeitsappell das Gefühl, daß irgendetwas Ungewöhnliches im Gange war. Neben der Wache hatte sich die gesamte Lagerleitung versammelt, als wenn einer geflohen war, aber es wurden keinerlei Erklärungen abgegeben. An diesem Tag wurde nicht gearbeitet. Wie leuchteten die matt gewordenen Augen, wie groß war die Freude, als Wolodja Maschtaller angelaufen kam und schrie: „Sieg!“

Viele Male setzte uns Nikolaj Iwanowitsch Einzelheiten über diesen Krieg auseinander und sprach auch über einen möglichen Krieg mit Japan. Er hatte seinen Sohn und seine Tochter an der Front verloren, er selbst war in solch einer Lage, und mich munterte er noch auf, als ich kummervoll zusammenrechnete, daß ich bereits 25 Jahre alt war und erst fünf Jahre abgesessen hatte. Und wieviele hatte ich noch vor mir! Aber er versuchte mich davon zu überzeugen, daß ich mit 30 Jahren ein reifer Mann sein und in den besten Jahren meines Lebens stehen würde: die Hauptsache war doch, ein Mensch zu bleiben. Aber ich sah keine Lebensziele, die bitteren Kränkungen machten mir das Herz schwer – wegen der geraubten Jugendjahre. Und Nikolaj Iwanowitsch sagte: „Nur Mut, Söhnchen, das Leben liegt noch vor dir!“

Mit jedem Tag wurden die Gespräche über eine Freilassung seltener und das Regime unerträglicher. Es wurde klar, daß wir unsere Haftstrafe bis zum Ende absitzen mußten. Nur in der Werkstatt, bei der Arbeit, verschwanden die schweren Gedanken; es schien, als ob die Zeit schneller verrann. So verging Tag für Tag, Monat für Monat. In dieser Zeit vollzog sich eine Veränderung zum Besseren: mit der Tagesration wurde Zucker ausgegeben, den wir seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hatten.

Im Auftrag der GULag wurde ich von der Suslowsker Abteilung, in der ich mich so gut eingelebt hatte, mit einer Etappe zum Tajschetsker Durchgangslager geschickt. Hier kamen Leute aus Petschora, Mariinsk, Irkutsk, Mittel-Asien sowie den Lagern im Urals und Sibiriens zusammen. Hauptsächlich Fahrer und Mechaniker, obwohl unter ihnen auch hoffnungslose Kriminelle, wie z.B. mein Pritschennachbar Mischa Burgomistrow, der sagte, daß ein finnisches Auto vorziehen würde, aber wo die Gänge zu schalten waren, das wußte er nicht und würde es auch nicht wissen wollen. Wenn er auch ein Bandit war, so war er doch auch ein gehöriger Spaßvogel; er munterte uns auf und gestattete sich selbst keinerlei Dummheiten. Wenn irgendetwas verlorenging, so fand er es wieder und gab es dem Geschädigten zurück. Er lachte immer: „Wenigstens weiß ich, wofür ich hier sitze, und ihr – weshalb ihr leidet!“

Im Mai schickten sie uns in die „Walachei“, zum Kraftwagenpark 4 - 120 km vom Durchgangslager und eineinhalb Kilometer vom Fluß Tschuna entfernt. Unsere Aufgabe war es, eine Brücke zu bauen und einen fünfzehn Meter langen Damm. Sie gaben uns einen festen Termin vor: bis zum 7. November. An der Strecke der dreihundert Kilometer langen Trasse von Tajschet nach Bratsk befand sich alle 15-20 Kilometer eine Häftlingskolonne, die Straße führte gleichzeitig auch von Revier zu Revier.

Als wir eben gerade die Zone betreten und uns in unsere Baracke begeben hatten, stürzten sich von allen Seiten die Kriminellen auf uns: sie klauten Kleidung und Schuhe und nahmen alles mit. Som ist es gekommen! Die Pritschen in der Baracke waren ohne Bettzeug; viel zu viele Menschen waren dort – weit über die Norm: irgendwie brachten wir die Nacht herum. Am nächsten Morgen verließen alle die Baracke, sowohl die, die noch irgendetwas zum Anziehen hatten, als auch ich, der, wie viele andere auch, nackt und barfuß war. Wie sollte ich zur Arbeit gehen? Wenn es wenigstens in der Zone keine Frauen gegeben hätte!

Aus der Not half mir Mischa, der in eine andere Baracke geraten war. Ich schrieb ihm eine Notiz und ließ sie ihm durch einen Kameraden übermitteln. Und tatsächlich brachten sie mir alle meine Sachen zurück und fragten mich sehr höflich, ob das auch alles vollständig wäre. Und Mischa kam selbst, um es nachzuprüfen. Nachdem er wieder weggegangen war, bekam ich von meinen Leidensgenossen viele Vorwürfe zu hören. Alle meinten, daß ich Kontakte zu den Dieben hatte. Ich schämte mich vor ihnen und war nicht in der Lage, mich zu rechtfertigen und meine Unschuld zu beweisen.

Gearbeitet wurde unweit der Zone. Aber es gab nichts, womit man die Mücken hätte abwehren können. Es war unmöglich zu schlafen, die Mücken zerfraßen einen, bis alles angeschwollen war. Und so quälten sie uns auch bis zur Fertigstellung des Bauprojektes. Und dann wurde die Arbeitskolonne aufgelöst. Viele wurden 168 Kilometer weiter weggeschickt, bis nach Bratsk. Aber ich hatte das Glück, in die Landwirtschaftsbrigade Nr. 12 zu kommen. Das lag am rechten Ufer der Tschuna. Nicht weniger als 100 Mann wurden dort eingestellt. Wir hörten, daß das Regime dort nicht sehr streng und die Verpflegung besser war. Während wir gingen, zernagten uns die Mücken bis aufs Blut, sogar der Mund war verschmiert und verklebt. Nirgends konnten wir haltmachen; die Begleitsoldaten brüllten herum und trieben uns vorwärts.

Die Zone lag in einer Baugrube. Hier gab es mechanische Werkstätten, Speicher, eine Schweinezuchtfarm, Häuser für die Lagerleitung. Ich kam in eine Brigade, die meiner Berufsausbildung entsprach. Am zweiten Tag marschierten wir zur Arbeit aus. Zum ersten Mal in 7 Jahren gingen wir von der Wachstation bis zu unserem Arbeitsplatz ohne Begleitsoldaten und ohne die Warnung: „Ein Schritt nach links, ein Schritt nach rechts – das gilt als Fluchtversuch!“ Die Einrichtung und Ausrüstung in den Werkstätten war dürftig, es waren nicht genügend Werkzeuge da, und über die Technik hatte schon sehr lange kein aufmerksames Auge mehr gewacht. Nach und nach entfaltete sich die Arbeit. Und da traf ich auch noch einen Bekannten aus der Suslowsker Abteilung; er arbeitete in der Küche und fütterte mich zusätzlich, und so ging das Leben viel fröhlicher vonstatten.

Die Wohnzone war nicht groß, Männer und Frauen begegneten sich fast ganz frei. Es entspannen sich Liebesbeziehungen, und ich traf Ljuba Orlowa. Man hatte sie wegen ein paar Ähren für 4 Jahre ins Lager gesteckt. Sie war sehr gut, ruhig und sehr akkuratv – selbst unter den Lagerbedingungen. Wir trafen uns heimlich, damit die Lagerleitung nichts davon erfuhr und uns nicht auseinanderbrachte. Wir liebten uns sehr, mehr als ein Jahr waren wir zusammen. Nach dem Treffen kehrte ich immer in meine Baracke zurück, und eine große Trauer überkam mich: das ganze Leben war zerstört, die Liebe gestohlen. Und als nach der Ausaat im Jahre 1948 befohlen wurde, die Werkstatt-Ausrüstung zum zentralen Lagerpunkt zu verlegen, da wurden wir vom Schicksal getrennt. Ljuba blieb zurück, während ich und fünf weitere Gefangene zuerst 137 Kilometer weit zum Formierungspunkt getrieben wurden und dann zum 146 Kilometer entfernten DOK (Holzverarbeitungskombinat; Anm. d. Übers.).

Bei unserer Ankunft bekamen wir eine Kennzeichnung, d.h. jeder von uns mußte sich auf den Rücken seiner Strickjacke eine Nummer nähen. Ich bekam die E-213. Es herrschte ein strenges Regime, beinahe wie im Gefängnis. Nachts schlossen sie uns ein, und tagsüber brachten sie uns unter der Begleitung von Wachsoldaten in die Lebensmittelzone. All das lastete sehr schwer auf uns: das Ende der Haftstrafe und dann solche Schinderei! Stellte ich denn ein derart gefährliches Subjekt für das Vaterland dar? Aus allen Lagern sammelten sie die zusammen, die nach dem gleichen § 58 verurteilt worden waren, mit Ausnahme von Absatz 10 (Agitation). Alle sagten, daß sie vollkommen unschuldig waren und nur aufgrund von Denunziationen in diese Lage geraten waren. Wieder hörte ich Gerüchte über bekannte Themen. Wasja Batjagin, ein Moskauer, berichtete: „Sie haben mich geschlagen, im Karzer gequält. Ich bin weit von der Politik entfernt, habe zwei Kinder, und meine Hauptsorge war – Geld zu verdienen. Ich habe die handwerkliche Fachschule besucht. Und da hab ich alles unterschrieben – sie haben das Geständnis aus mir herausgeprügelt. Als sie das Todesurteil verlasen, wurden meine Beine taub; ich ließ mein ganzes, kurzes Leben in wenigen Minuten vor meinen Augen vorüberziehen. Wofür?“

Die Geschichten ähnelten der meinen wie zwei Tropfen einander ähnlich sehen. Wir sprachen auch über die Zukunft. Wir neigten dazu anzunehmen, daß sie uns nach Verbüßung unserer Haftstrafe ganz gewiß nicht freilassen, sondern zur Zwangsansiedlung in den Ural oder nach Sibirien schicken würden. Was soll's, das letzte Jahr meiner Strafe hat angefangen, aber die Verwandten werden wohl vergeblich warten; es wird nicht möglich sein, in die heimatlichen Gefilde zu gelangen. Aber wenigstens würde man von hier schneller wegkommen. Der letzte Monat zog sich besonders lange hin, und viele Gedanke habe ich mir während dieser Zeit gemacht. Ich bereitete mich auf die Abfahrt vor. Die Kameraden gaben mir, was sie geben konnten: Handschuhe, Wäsche, usw. Am 26. Dezember 1950 verabschiedete ich mich von den Freunden und wünschte ihnen eine baldige Freilassung. Drei Tage verbrachte ich im Tajschetsker Durchgangslager, anschließend brachten sie mich ins Gefängnis nach Krasnojarsk, wo eine Etappe zum nächsten bestimmungsort zusammengestellt werden sollte. Am 6. Januar 1951 wurde ich nach Dolgij Most geschickt, in eine 120 km von der Stadt Kansk entfernte Waldwirtschaft.

Wir übernachteten unterwegs im Kolchos-Club der Ortschaft Samet. Viele Menschen hatten sich dort angesammelt, fragten uns aus und wir sie. In Eimern brachten sie uns Pellkartoffeln. Schon lange hatten wir eine so wunderbare Mahlzeit nicht mehr zu uns genommen. Gegen unsere Heringsration tauschten wir Milch ein, die wir in all den Jahren auch nicht mehr getrunken hatten. Am Morgen bewegten wir uns zufuß weiter. In Dolgij Most (lange Brücke; Anm. d. Übers.) kamen wir um zwei Uhr mittags an. Zwei lange Straßen erstreckten sich von Süden nach Norden, und überall nur Taiga. Die Bezeichnung rührte von den Bretterstegen her, die durch die Sümpfe gelegt waren, die ebenfalls Dolgij Most genannt wurde. Sie brachten uns in noch nicht fertiggebauten Häusern unter, registrierten uns und verteilten uns dann auf die einzelnen Waldpunkte. Alle sahen sich als Freie an und waren empört darüber, daß man sie nicht dorthin schickte, wohin sie gern wollten. Man beruhigte uns: wir würden zwischen der Waldwirtschaft und der Chemie- und Forstwirtschaft wählen können.

Die Löhne waren hoch, und die Reichtümer Sibiriens mußte man erschließen. Und jetzt sollten wir einen Paß bekommen. Sogleich lebten wir auf: zehn Jahre lang hatten wir keine Ausweise in den Händen gehalten. Und nun die Freiheit, man konnte die Familie zu sich kommen lassen - zumindest diejenigen, die noch eine hatten.

Wir gingen einzeln hinein, und als der erste wieder herauskam, stürzten sich alle auf ihn: sie wollten wenigstens ganz flüchtig einen Blick auf den Paß werfen! Der Burscher antwortete in böser und grober Weise, und ich wunderte mich: ich kannte ihn – er mußte einen Grund haben, weshalb er so wütend war. Dann kam ich an die Reihe. Hinter dem Tisch saßen drei Militärbedienstete. Ihre Fragen erinnerten mich an die früheren Verhöre. Sie verlasen die Rechtslage im Hinblick auf die Rechte und Pflichten der Verbannten. Wie ein Stein legte sich die Mitteilung über die ewige Verbannung auf mein Gemüt. Zusammen mit dem Paß händigten sie mir ein Blatt Papier mit zwölf Quadraten darauf aus – für jeden Monat eines. Zweimal pro Monat mußte man zur Registrierung erscheinen. Das hieß, ich war wieder ein Gefangener. Ich kam heraus und hatte, ebenso wie der andere Bursche, keinerlei Bedürfnis, mit irgendjemandem zu reden. Ich begann meine Sachen zusammenzusuchen, und da kam Sascha Kolomijzew angelaufen: „Nimm schnell deine Sachen, ich hab einen Kamerdaen getroffen; wir waren gemeinsam im Lager; und hier ist er der Leiter des utschastok in der chemischen Forstwirtschaft – er ist auch ein Verbannter.“

So kam ich zur chemischen Forstwirtschaft und hatte noch nicht einmal eine Vorstellung davon, was das eigentlich sein sollte. Es stellte sich heraus, daß man sich dort mit dem Sammeln von Baumsaft (meist zur Herstellung von Terpentin; Anm. d. Übers.) befaßte. Beim Revierleiter, Nikolaj Stepanowitsch, in der Siedlung Panakatschet, saßen wir zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder am Familientisch. Morgens fuhren wir in die Siedlung Vesoly, acht Kilometer von Panakotschet entfernt. Alles in allem gab es dort vier hastig errichtete Häuser, und in einem von ihnen wurden wir untergebracht. Wir erhielten Bettzeug, Kissen und mit Stroh gefüllte Matratzen; Decken gab es nicht. Ich kam in eine Baubrigade, obwohl ich ganz vergessen hatte, wie man eine Axt hielt. Wir arbeiteten angestrengt. Eine Siedlung in der Taiga, nur der Himmel war zu sehen. Rundherum Schönheit, und wenn du nachts hinausgingst – Stille, nur die Bäume hörte man knacken. Wir arbeiteten in gesteppten Wattejacken, froren bei der Arbeit jedoch nicht: die Luft war trocken. Bei uns in der Heimat gelten Fröste von minus 30 Grad als unerträglich, da steckst du die Nase nicht heraus. Aber hier gingen die frostigen Temperaturen gegen Ende Februar bis zu minus 63 Grad. Das Wasser gelangte nicht bis auf den Boden, es plumpste als Eis in den Schnee. Der Boden gefror bis zu eineinhalb Meter dick. Wir mühten uns ab, Gruben unter den Fundamenten zu graben, und schafften nur mit Hilfe von Lagerfeuern pro Stunde eine Tiefe, die der Länge eines Teelöffels entsprach.

Ich lernte meine zukünftige Ehefrau Mascha kennen. Wir heirateten. Ich kann nicht sagen, daß ich viel für sie empfand, aber ich erwiderte ihre Liebe, denn ich war ja schon dreißig Jahre alt. Wir fingen an zusammen zu arbeiten, gingen pro Tag eine Strecke von ungefähr 30-40 Kilometern. Und im Frühjahr gratulierten sie mir zu meinem Sohn. Meine Mutter kam zu uns, die mich zwanzig Jahre nicht gesehen hatte. Es hatte den Anschein, als ob das Leben normal verlief, aber ich war kein freier Mann, und das wirkte sich auf mein gesamtes Leben aus. Ich wurde krank, zog mir eine Stirnhöhlenentzündung zu. Mehrere Tage und Nächte quälte ich mich zuhause damit herum, dann fuhr ich ins Krankenhaus. Der Chirurg Schabuladse war ein herzlicher Mensch, aber es gab nichts, womit er mich hätte behandeln können. Einen Monat später wurde ich entlassen und nach Kansk geschickt. Aber auf meuinem Weg befand sich die Kommandantur. Bis sie alle Auskünfte über ihn eingeholt und ihn überprüft hatten, vergingen zwei Wochen. Es kam die Erlaubnis, wir kratzten Geld zusammen. In Kansk brachten sie mich sofort in den Operationssaal: der Arzt sagte, daß die Operation etwas später schon nicht mehr nötig gewesen wäre. Danach durfte ich keine schweren Arbeiten verrichten, aber die ganze Zeit zuhause bei meiner Frau am Hals hängen konnte ich doch auch nicht! Ich ging zum Revier, und konnte mich am dritten Tag schon kaum mehr bis nach Hause bewegen. Schabuladse schickte mich nach Krasnojarsk. Wieder zur Kommandantur. Ich kam spätabends in Krasnojarsk an, ins Krankenhaus konnte ich erst morgens gehen, ohne Paß ließ man mich nirgends übernachten, in der Kommandantur sagten sie: geh zum Bahnhof, dort ist ein Militionär. Ich hatte schreckliche Schmerzen - wie ich es schaffte bis zum nächsten Morgen durchzuhalten, weiß ich nicht mehr. Die Tränen der Kränkung, die Kopfschmerzen: wann werden die Erniedrigungen ein Ende haben? Endlich kam ich ins Krankenhaus. Die Ärztin Werblowskaja schüttelte nur den Kopf, als sie hörte, wie man mich behandelt hatte. Ihr sei mein großer Dank – sie sorgte sich um mich, pflegte mich und brachte mich wieder auf die Beine.

Nach dem Tode Stalins ging ein Gerücht über Freilassungen aus der Verbannung. Aber daran glaubte ich schon nicht mehr, wenngleich sich das Verhalten uns gegenüber ein wenig änderte. Vorher durfte man nichts sagen, es hieß sofort: "Hast du vergessen, wo du warst?" Jetzt wurden wir für voll genommen, und man hörte auf unsere Meinung. Niemand ging mehr zum Registrieren in die Kommandantur. Nur selten fuhren die Kommandantur-Mitarbeiter noch einmal hinaus, um am Wohnort irgendetwas zu kontrollieren. Und im April 1954 erklärten sie, daß wir nun keine Verbannten mehr waren. Sie gaben Pässe an uns aus, und viele fuhren in ihre Heimatorte zurück. Und für mich ist jetzt Sibirien die Stelle, an der mein Herz Wurzeln geschlagen hat. Und so blieb ich hier. Der Alptraum blieb hinter mir zurück, aber oft denke ich, ob man nicht irgendwann einmal erfahren muß, was mit uns geschehen ist? Meinem ärgsten Feind wünsche ich nicht das, was ich durchgemacht habe.

Bearbeitung des handschriftlichen Originaltextes durch I. und A. Babij
Boris Alexejewitsch Sintschurin
Krasnojarsk, Straße der 2. Roten Flotte Nr. 19,Wohnung 42


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