Walter Ruge. Erinnerungen eines Häftlings, der später als Verbannter in der Siedlung Jermakowo lebte

„Die Bauverwaltung Nr. 503“ (1947-1953). Dokumente. Materialien. Ergebnisse der Geschichtsforschung.

Den Jenisej flußabwärts – ans Ende der Welt

Als ich mein 8. Lebensjahr vollendete, und das war 1923, schenkte der Vater mir ein Buch des berühmten norwegischen Forschers Fritjof Nansen mit dem Titel „Ins Land der Zukunft“. Es hatte einen prächtigen Umschlag, auf dem ein Eisenbahndamm abgebildet war, und die Schienen reichten bis an den Horizont.

Nansen brach im August 1913 an Bord des Dampfers „Korrekt“ vom norwegischen Hafen Tromsö aus zu seiner Reise auf, die ihn durch Barents- und Kara-See zur Insel Dickson an der Mündung des Jenisej führte. Dort erwartete ihn das Motorboot „Omul“, mit dem er den Jenisej weiter flußaufwärts fuhr, bis zur Stadt Jenisejsk. Mein jugendliches Herz entflammte vor Wißbegier über das geheimnisvolle Sibirien, den mächtigen Jenisej, ohne auch nur im geringsten zu ahnen, dass meine Zukunft mir Sibirien verbunden sein würde und unheilvolle Umstände mich an den Jenisej führen sollten, dass ich selbst einmal den Jenisej in umgekehrter Richtung auf eben jener Route befahren würde, auf der 35 Jahre zuvor Fritjof Nansen flußaufwärts gereist war.

Nachdem die faschistischen Besatzer aus der Sowjetunion verjagt worden waren, machte sich das Land energisch an die Beseitigung der Zerstörungen, die der Krieg hinterlassen hatte. Aber der Krieg seinerseits hatte auch gezeigt, über welche riesigen Möglichkeiten Sibirien verfügte. Und genau hier plante man die Umsetzung grandioser, bisweilen die Kräfte übersteigende Bauprojekte.

Zu jener Zeit herrschte überall Mangel, ganz besonders aber bei den Arbeitskräften angesichts der Millionenverluste an Menschenleben während des Krieges. In einer solchen Situation stellten wir, die Häftlinge, eine reelle, wertvolle Reserve dar. Ich hatte damals bereits 8 Jahre meiner 10-jährigen Strafe in Lagern der Region Omsk verbüßt, zu der ich nach § 58-10 verurteilt worden war. Es kam das Jahr 1949.

Nach einer gründlichen Gesundheitsprüfung wurde die „lebende Fracht“ zu den neuen Nachkriegsbaustellen gebracht. Nach dem Sieg über das faschistische Deutschland wurden Verpflegung und Lebensmittelversorgung nach und nach besser. Wir die Gefangenen, erhielten wieder eine monatliche Zuckerration, Fett und ein wenig Geld. Die entkräfteten Lagerinsassen nahmen das mit Dankbarkeit auf. Ich selbst erreichte wieder ein Gewicht von 105 kg, was mir bei der Gesundheitsprüfung die höchste Kategorie, „geeignet für schwere körperliche Arbeit“, einbrachte. Das beunruhigte mich jedoch nicht sonderlich, denn zu jener Zeit war ich ein hochqualifizierter Feldscher und überzeugt (was sich auch bestätigte), dass ich beim medizinischen Lagerdienst arbeiten würde, das heißt im Krankenhaus, der Polyklinik und im Ambulatorium.

Man erklärte uns nicht, und es gab auch an den Waggons keinerlei Hinweis darauf, wohin man uns brachte; es gab auch keine Schilder mit der Aufschrift „Volksfeinde“, wie es im Jahre 1941 der Fall gewesen war, aber man konnte schon erraten, in welche Richtung es ging ... mit Hilfe der Sonne! Nach einigen Tagen hielt der Zug. Natürlich nicht auf so einem Bahnhof, auf dem Lautsprecherdurchsagen bekanntgaben, wo der Zug angekommen war, sondern weit hinter der Stadt, auf irgendeinem Rangierbahnhof. Die Randgebiete sibirischer Städte sind einander alle ähnlich, deswegen erfuhren wir erst, dass wir in Krasnojarsk eingetroffen waren, dem Zentrum der riesigen krasnojarsker Region, die um ein Vielfaches größer ist als das Deutsche Reich es war, als wir in eine riesige Zone einfuhren – das Transitlager. Wenn wir uns bis jetzt auf der transsibirischen Eisenbahn-Magistrale fortbewegt hatten und man uns nun in Krasnojarsk aussteigen ließ, dann konnte unsere Reise nur auf dem Jenisej nach Norden weitergehen, was nach einigen Tagen auch der Fall war ...

Für einen zivilisierten Menschen ist es schwierig zu verstehen, was so ein Durchgangslager eigentlich bedeutet. Es ist ein riesiger Schmelztiegel, in dem sich ein Meer von Menschen von einem Ende zum anderen bewegt. Die Leute treiben Handel, stehlen, prügeln sich, trinken Schnaps, spielen mit selbstgebastelten Karten, wofür sie in den Karzer oder die Baracke mit verschärftem Regime geraten können. Wir, die Politischen, die hier einfach „Freier“ genannt wurden (ursprüngl. Nichtkriminelle; unter Häftlingen = unfähige, verachtungswürdige Person; Anm. d. Übers.), saßen auf unseren Bündeln, zitterten, hatten Angst, sahen zu, was um uns herum geschah.

Im Verlauf der ersten drei Stunden stahl eine Bande von Kriminellen mir buchstäüblich alles: die eingetauschten Schnürschuhe, den Rucksack mit Wäsche, eine bescheidene Auswahl an medizinischer Literatur „zum Rauchen“ (gemeint ist: für Zigarettenpapier; Anm. d. Übers.), den gesamten Vorrat an Trockenbrot und ein kleines Kissen, das mir das medizinische Personal in Omsk zum Abschied geschenkt hatte. Der schwerwiegende Raub meiner Kleidung geschah im Baderaum. Dort mußte man die Kleidung vollständig zum „Durchbraten“ (Erhitzen zur Reinigun und Desinfektion; Abnm. d. Übers.) abgeben, und als man dann aus der Dampfkammer wieder heraustrat, da stellte sich heraus, dass die Kleidung „verloren gegangen“ war. Man blieb erst einmal splitternackt dort stehen, bekam dann aber als Ersatz irgendwelche Lumpen (aus 3. Hand) und galt fortan als „Verschwender“ von Staatseigentum. Von da an trug ich also auf dem bloßen Körper eine Unterziehjacke, wattierte Hosen und Schnürschuhe, die mir der Landstreicher im Austausch gegen meine eigenen alten zusteckte.

Es fällt mir schwer zu sagen, wie wir unsere Brotration und die Wassersuppe bekamen. Die Situation war so verworren und unklar. Nach einigen Tagen, an einem Abend, mußten wir Aufstellung nehmen und wurden aus dem Durchgangslager hinausgeführt. Natürlich schwand Nansens Romantik dahin, als man uns unter verschärfter Wachbegleitung in der Dämmerung ans Ufer des Jenisej brachte, wo riesige Lastkähne auf uns warteten. Stundenlang zählte man uns immer wieder durch und übergab uns einzeln den Fluß-Wachmannschaften. Dafür mußte jeder Häftinge immer wieder nach dem gleichen Schema seinen Familien-, Vor- und Vatersnamen, sein Geburtsdatum, den Paragraphen, nach dem er verurteilt worden war sowie Haftbeginn und -ende heruntersagen. Diese Angaben waren beinahe so etwas wie ein Fingerabdruck, und der „neue Herr“, der sie zu wissen bekam, wußte sogleich, dass Ruge tatsächlich Ruge war. Im Halbdunkel des Frachtraumes entdeckten wir einen gewissen „Häftlingskomfort“: es gab vierstöckige Pritschen, einen Latrineneimer und Besen. Offensichtlich stand uns eine längere Fahrt bevor. In der Nacht legten wir ab, unser neues Leben begann. Um wenigstens ein kleines Bißchen auf den märchenhaften Jenisej hinausblicken zu können, machte ich mich an alle möglichen Arbeiten, vor denen andere sich gern drückten. Der Fluß gab uns das Wasser zum Trinken, für die Küche und zum Waschen. Wir beschafften das Wasser, indem wir Eimer an Seilen hinabließen. Wenn man hier den richtigen Moment abpaßte, konnte man sich klammheimlich, unbeobachtet von den Wachen, die Natur anschauen, das felsige Ufer, den majestätischen Fluß an seinem Mittellauf, wo er noch nicht so breit ist. Mitunter gelang es, den Latrineneimer hinauszutragen und über Bürd auszuleeren. Ich mußte dabei an eine Redensart denken, dass ein Löffelchen Teer ein Faß Honig verdirbt – aber der Jenisej ist kein Faß. Irgendwie hatte der Diensthabende mir befohlen, mit dem Ausgießen einen Augenblick zu warten, denn auf dem hinter uns fahrenden Lastkahn waren sie gerade dabei Trinkwasser zu schöpfen. Einmal trat ein mir aus dem Omsker Lazarett bekannter Berufsverbrecher an mich heran (wir behandelten ihn damals wegen einer gefährlichen Selbstverstümmelung) und fragte: „Na, Doktor, wie geht’s?“ – Ich antwortete: „Alles ok, nur bin ich im Durchgangslager restlos beklaut worden“. – Wie denn das?“ empörte er sich. Ich verdeutlichte ihm, dass einiger der gestohlenen Sachen sich hier auf dem Kahn befänden: dort drüben, zum Beispiel, da Kissen – dort, auf der Pritsche. Ohne lange nachzudenken ging er auf den Burschen zu, sagte irgendetwas zu ihm und gab mir mein Kissen zurück: „Entschuldige, Landstreicher!“

Als wir ausgeladen wurden, bemerkten wir, dass es nicht dunkel wurde. Das bedeutete, dass wir uns weit oben im Norden befanden. Es fehlten sozusagen die Nächte – es war ewiger Tag über dem nördlichen Polarhimmel. Aber es ist schon etwas ganz, ob man darüber bei Fritjof Nansen nachliest, oder ob man sich selbst am Ufer des Jenisej daran gewöhnen muß, unter dem Summen der Mücken und der ständigen Bewachung durch Soldaten. Anfangs wurden wir einfach im Wald „untergebracht“, nachdem man ein kleines Waldstück mit Stacheldraht eingezäunt hatte. Das war sehr ungewohnt, denn, egal, ob wir bis dahin im Gefängnis, im Lager oder auf dem Lastkahn gewesen waren, hatten wir doch immer ein Dach über dem Kopf gehabt. Glücklicherweise regnete es nicht. Es fand sich ein kleiner Erdhügel, auf den man den müden Kopf legen konnte. Mit irgendeinem Kleidungsstück deckte man sich zu. Aber sehr bald begriffen wir, dass Mücken und Kriebelmücken uns nicht schlafen lassen würden.

Aber wo, zum Teufel, sind wir, was sollen wir hier? Über denKontakt mit dem frei angestellten technischen und medizinischen Personal sickerte irgendeine Information durch: Es stellte sich heraus, dass von hier aus, in Höhe des Polarkreises, eine Eisenbahnlinie Richtung Westen, bis nach Salechard am rechten Ufer des Ob, gebaut werden sollte, die etwa 1000 Kilometer lang sein würde. Unser erster Eindruck von dieser gigantischen Baustelle und der Siedlung Jermakowo, wo sie uns abgeladen hatten, waren – Moos, Sumpf, Flechten, Gräser.

Die Bauerei ließ sich darauf zurückführen, dass in den Wintermonaten, als der Boden im hohen Norden metertief gefroren war, Erdarbeiten durchgeführt, der Bahndamm aufgeschüttet und ein Teil der Schienenkörper verlegt worden waren. Während des Somemrs war der Schienenkörper dann in den Sumpf eingesunken, so dass der Bahndamm neu aufgeschüttet werden mußte.

Versteht sich, dass unser Führer und großer Kenner realer Situationen davon nichts wußte; er urteilte nach dem, was ihm berichtet wurde. Die Häftlinge arbeiteten unermüdlich. Schließlich waren die Versorgung und Verpflegung am Sonder-Bauplatz Nr. 503 besser als sonst üblich. Aber auch „Genies“ leben nicht ewig, und so starb unser Genius am 5. März 1953. Nicht immer lassen sich wichtige Probleme durch biologische Prozesse lösen, aber sie können Veränderungen des Lebens mit sich bringen. Nach Stalins Tod fühlten alle sofort, dass das Interesse an dieser Baustelle verblaßte. Es wurde klar, dass die Baustelle Nr. 503 stillgelegt würde.

Zum besseren Verständnis des Lesers: vom Jenisej nach Westen und dem Fluß Ob gen Osten bewegten sich bis zu 30.000 Häftlinge oder 6 Divisionen. Es wurde gewaltige Arbeit bei der Verlegung des Eisenbahnkörpers geleistet; es wurden Brücken, Bahnstationen, Siedlungen, Fabriken, Bäckereien, riesige Vorratslager, Krankenhäuser und Feuerbeobachtungstürme gebaut. In der Siedlung Jermakowo entstanden ein Theater, zahlreiche Häuser des Typs BZD (Bauten für zivile Dauernutzung) und viele andere Bauten. Und plötzlich, wie im Kino, fängt der Film an rückwärts zu laufen. Es entstand ein besonderer Zustand der Konservierung. Alles, was sich bwegte, Häftlinge und freie Arbeiter, wurden auf dem Jenisej forttransportiert, und alles Unbewegliche sowie alle Toten blieben zurück und wurden so der Barmherzigkeit der Taiga überlassen.

Uns, den Verbannten, zu denen auch ich ab 1951 in Jermakowo gehörte, nachdem ich meine 10-jährige Haftstrafe abgesessen hatte, schienen nun für mich alle Hoffnungen begraben zu sein. Schließlich war die Großbaustelle Nr. 503 doch unsere Nährmutter. Hier hatten wir Arbeit; fast alle konnten sogar in gemäß ihrer speziellen beruflichen Qualifikation arbeiten, und nun wurde es mit jedem Tag schwieriger überhaupt irgendeine Arbeit zu finden. Schließlich gelang es mir doch: als Elektroingenieur beim örtlichen Kraftwerk. Ich verfügte über die entsprechenden Kenntnisse der Hochspannungstechnik, nachdem ich in Moskau das Technikum für Röntgen-Apparaturen beendet hatte. An diesem Kraftwerk gab es vier große Lokomobile, die mit Kohle aus Norilsk beheizt wurden. Ich arbeitete schichtweise als Ingenieur, d.h. jeweils 12 Stunden an der Schalttafel. Ich mußte auf die Beladung der Fahrzeuge achtgeben, die sogenannte „Phasen-Verschiebung“, die Belastung des Netzes bei verändertem Bedarf an Elektroenergie, wobei man die Generatoren entweder synchron anschließen oder ganz vom Netz nehmen mußte. Für die Fahrt zum Kraftwerk mußten wir 6-7 Kilometer fahren. Dazu benutzten wir einen ausgemusterten amerikanischen Militär-Jeep, der – Gott allein weiß wie – in den hohen Norden gelangt war. Der Werksleiter hatte ihn offenbar durch gute Beziehungen an irgendeiner Station ergattert. Während wir an den Aggregaten unseren Dienst versahen, mußte der Jeep andauernd repariert werden, und niemand wußte, ob wir damit abends wieder in die Siedlung zurückkämen. Im Winter wurden wir mit Schlitten gefahren.

Die komplizierteste, gleichzeitig aber auch ruhigste Schicht war die Nachtschicht. Manchmal kam es vor, dass der Haupt-Energetiker uns am späten Abend anrief. Er überprüfte von zuhause aus mit Apparaten unsere Arbeit. Durch das Stillegen der Großbaustelle war nun viel weniger Elektroenergie nötig; demzufolge kam es auch zu Kürzungen beim Dienstleistungspersonal. Auch die Lokomobilen blieben, eine nach der anderen, stehen.

Schließlich blieb noch einen einzige Lokomobile in Betrieb und eine Mannschaft aus drei Leuten. Zum Glück durfte auch ich bleiben – als Mann an der Schalttafel. Unser Brigadier war Wasja, der Maschinist. In der Vergangenheit hatte er auf einer Lokomotive gearbeitet, und jetzt stand sie am Ufer des Jenisej und wartete auf ihre Abfertigung und Abfahrt. Sie kümmerten sich um alles – eine Straße gab es noch nicht, und die Maschinisten waren gut ausgebildet. Der zweite Man in der Schicht war von Beruf Schlosser und Reparaturarbeiter; aber hier arbeitete er als Heizer. Wir verrichteten unsere Arbeit selbständig, ohne besondere Kontrolle. Es wäre auch niemandem in den Sinn gekommen, uns mitten in der Nacht zu überprüfen. Eines schönen Abends sagte uns der Maschinist Wasja, der ein wenig angetrunken war, dass er müde sei und „sich ein wenig aufs Ohr legen“ wolle. Auf das Manomater konnte auch Petja, der Heizer, achtgeben. So taten wir also nur zu zweit unseren Dienst. Es kam vor, dass man auch mir gestattete, ein Nickerchen zu machen. Nachts war die Bedienung der Schalttafel vergleichsweise einfach; das Telefon konnte man auch im Maschinenraum gut hören. Dann kroch ich heimlich auf irgendeine Matratze und schlief wie ein Toter. Einmal ließ unser Maschinist den Heizer fortgehen, um ein wenig zu schlummern, und ich legte abwechselnd mit ihm Kohle in den Feuerraum nach. Wir sprachen mit niemandem darüber, dass wir nachts auch zu zweit auskamen. Es verging ein wenig Zeit, und dann teilte mir der Maschinist mit, dass auch er müde sei und sich einen Moment aufs Ohr legen wolle; Kohle hatte er schon nachgelegt, der richtige Druck war gewährleistet. So blieb ich allein zurück, in dem Wissen, dass der Heizer bald auf seinen Posten zurückkehren würde.

Im Halbdunkel des Maschinenraums waren die stehengebliebenen Lokomobilen zu sehen. „Unsere“, die noch in Betrieb war, schnaufte im wohlbekannten Rhythmus. Ich sah in den Feuerraum und legte sicherheitshalber noch etwas Kohle nach. Im Schaltraum herrschtedie gleiche Monotonie. Es war etwa zwei Uhr nachts. Um die Müdigkeit zu überwinden, ging ich nach draußen und lief ein paar Schritte auf und ab. Es war nicht besonders kalt, so um die –35 Grad. Der völlig klare Himmel und die geheimnisvollen Nordlichter versetzten mich in Erstaunen: gleichmäßig wogen sich im Wind, in unendlicher Ferne, Lichterscheinungen, die wie Ebenbilder von Schals oder Vorhängen aussahen, das ganze Firmament funkelte wie ein riesiger, mit Diamanten bestreuter Teppich. Die Form dieser Vorhänge ändert sich ständig: mal haben sie die Gestalt einer kreisförmigen Kette, mal die einer Kapuze; manchmal ist es nur ein Dunstschleier oder so etwas wie ein himmlischer Strom. Als ich zum ersten Mal Nordlichter sah, schien es mir, als ob es sich nur um Nebel handelte. Als kleiner Junge hatte ich diese geheimnisvollen Erscheinungen in den Zeichnungen Fritjof Nansens gesehen. Jetzt unterstrich das wirkliche Nordlicht noch das Farbenspiel, mal als Regenbogen, indem es die Farben deutlich voneinander trennte, und dann wieder in zarteren Farbtönen, die anfangs in eine grüne, dann in violette Farbschattierungen übergingen und plötzlich ganz weiß oder bläulich wurden. Aufgeregt und verzaubert beobachtest du diese Schönheit in der Erwartung, dass das Farbenspiel noch schöner wird. Ich kehrte in den Maschinenraum zurück. Hier roch es nach Rauch, Dampf und Fett. Unsere Maschine glänzte. Wir warteten sie ständig. An der Schalttafel war alles in Ordnung. Ich setzte mich in den bequemen Sessel, den wir aus der Siedlung mitgebracht hatten. In dem Raum war es warm. Ich begann über das geheimnisvolle Nordlicht nachzudenken, über das Rätselhafte, das darin verborgen war, über seine Schönheit ...

... Plötzlich sprang ich auf – wie von einer Tarantel gestochen. Ich begriff, was los war: das Voltmeter stand still, das Ampèremeter ebenfalls, die Lokomobile keuchte zuverlässig, jedoch in einem fremden Rhythmus ... Im Nu befand ich mich im Maschinenraum ... Der Druck war dort fast auf Null gesunken. „Los, steht auf, die Maschine steht fast, los, nun macht schon!“ – schrie ich. Der Schlaf war bei uns Dreien wie weggewischt..

Auf den Feuerrosten glühten ganz schwach noch ein paar Kohlestückchen. Wenn in diesem Moment Wasser in den Zylinder gelangt, fliegt der Deckel des Kessels in die Luft – und wir ebenfalls. Sie werden uns „Sabotage“ anhängen. Möge Gott uns davor bewahren! Hier half uns die unerschütterliche russische Findigkeit – es gibt keine ausweglosen Situationen! „Mit Kohle kommst du hier auch nicht weiter“, murmelte Wasja. – „Hier helfen höchstens trockene, harzige Holzklötzchen!“ Wir sahen einander an. „Der Zaun!“ – schrie Petja. Eine geniale Idee! Um das Gelände des Kraftwerks herum gab es einen Zaun aus trockenem Bauholz. Sollte man den etwa einfach ... Aber Wasja, der der Schönheit des Nordlichtes keinerlei Beachtung schenkte, stürzte sich bereits auf den Zaun. Das Bauholz war nicht nur trocken, sondern auch durch den Frost spröde und brüchig. Man hörte ein Krachen, Späne flogen ... Wie hungrige Hyänen stürzten auch wir uns in den „Kampf“, Brett für Brett flog und Knacken und Krachen zum Kessel. Obwohl das Feuer mit lebhafter Flamme aufloderte, bewegte sich der Zeiger nicht von der Stelle. „Weitermachen“ – schrie Wasja uns zu. Im Laufschritt schleppten wir die Zaunlatten heran, zerbrachen sie, ohne auch nur die geringste Müdigkeit und Kälte zu empfinden.

Endlich! Langsam begann der Zeiger sich zu bewegen, wir waren gerettet! Wasja zündete sich eine Zigarette an und erlaubte, dass wir uns ausruhten. Das Unheil lag hinter uns. Petja stand wieder am Feuerraum, warf Steinkohle in das wohlriechende, knackende, heiße Brennholz, und bis zum Ende der Schicht dauerte es nun auch nicht mehr lange. Auf der Straße hörten wir Stimmen, darunter eine uns sehr bekannte – die Stimme unseres obersten Vorgesetzten, des Haupt-Energetikers. Zum Teufel nochmal, hatte der etwa was geahnt?

„Sagt mal, wo ist dennder Zaun hingekommen? Da fehlen doch glatte 30 Meter!“ –„Keine Ahnung“, antworteten wir einstimmig. „Hier paßt schlecht auf“ Irgend jemand hat sich hier mit trockenem Feuerholz versorgt ... Ihr habt wohl geschlafen, was? Was?“ Wir sahen einander mit finsteren Mienen an und sprangen dann schnell auf den Schlitten, der bereits auf uns wartete.

Dezember 1998
Potsdam
Deutschland

Den Jenisej flußaufwärts – die Hochzeitsreise

Ich gebe zu, dass wir uns liebten. Was sie an mir fand, ist schwer zu sagen. Ich hatte nicht gerade den besten Ruf. Mit ihren 30 Jahren sah sie ganz mädchenhaft aus, ein bißchen frech, um unerwünschte Verehrer von sich fernzuhalten. Nichtsdestoweniger war sie bezaubernd zutraulich, was ich, wie mir schien, überhaupt nicht verdiente.

Es gab zahlreiche Möglichkeiten sich zu treffen: im Klub, im Kino, beim Tanz, im Restaurant. Und jeder von uns hatte ja auch seine eigene Wohnung. Im Sommer kam denVerliebten auch die Natur zugute; besonders gern traf man sich am Fluß, wo stets ein leichter Wind wehte, der uns von aufdringlichen Mücken verschonte. Regelmäßig fuhren wir mit dem Boot zu einer kleinen Insel hinüber, wo wir den Tag wie Robinson verbrachten. Nach dem Tod des großen Architekten und der Koryphäe aller Wissenschaften sollten nun in unserem Schicksal Veränderungen vor sich gehen, davon waren wir überzeugt, aber wie diese sich gestalten würden, das wußten wir nicht. Das Einstellen des Baus der Eisenbahnlinie bedeutete für uns, die Verbannten, den Verlust es Arbeitsplatzes und damit unserer Existenzmittel. So verwandelte sich der Weg des „Lebens“ für uns in einen Weg des „Todes“. Aber unsere Situation hatte auch Vorteile. Niemand schickte uns gewaltsam irgendwohin, man konnte sich den Ort der zukünftigen Verbannung selbst auswählen. Es kamen Anwerber von anderen Baustellen und boten uns an, bei ihnen zu arbeiten, u.a. auch beim Bau des Wasserkraftwerkes an der Angara.

Meine Irina hatte die Absicht in den Osten zu fahren. Zu der Zeit hatte ich ganz andere Pläne. 1953, nach 13-jähriger Trennung, fand ich meinen Bruder Wolfgang im Nord-Ural. Im Laufe des Winters erfuhr ich von einer neuen „Nachsicht“ – der Möglichkeit der Wiedervereinigung mit verbannten Verwandten, und das hieß konkret – der Möglichkeit zum Bruder umzuziehen.

Wir beide, er wie auch ich, ließen uns alle zwei Wochen bei der zuständigen MWD-Kommandantur registrieren. „Mein“ Kommandant, Hauptmann Gubenko, nahm meine Absicht zum Bruder zu fahren äußerst wohlwollend auf. Er war aufrichtig daran interessiert „seine Dienststelle“ auf einen zivilisierten Weg zu bringen. Aber als ich von meinem Wunsch sprach, auch meine Gefährtin Irina Andrejewna sowie deren Mutter mitzunehmen, legte sich sein Gesicht in Falten. „Mitnehmen?“ – fragte er. – „In welcher Beziehung steht sie denn zu ihnen?“ – Es interessierte ihn nicht, wer sich mit wem die Zeit vertrieb, aber bei der Ausfertigung der Dokumente verlangte der Hauptmann die strikte Einhaltung der Vorschriften. „Sie sind ja noch nicht einmal eine Familie“, - ließ er seinen Gedanken hörbar freien Lauf. „So geht das nicht! Wenn Sie die Alfjorowa allerdings heiraten, dann ist es etwas anderes...“. Ich zuckte zusammen. Heiraten? Das war mir noch gar nicht in den Sinn gekommen. Wie sich herausstellte, hat auch mein Schatz bislang noch nicht an so etwas gedacht. Nicht dass wir dergleichen völlig ausgeschlossen hätten, aber zu dem Zeitpunkt war keine Rede davon gewesen. Die ersten Gefühle waren so tief, so zärtlich, so voller Freude, dass wir unser Glück gedankenlos genossen. Es war auch keine Zeit darüber nachzudenken. Sollte man sich neue Fesseln auferlegen? Wir waren einander doch auch so mit Hand und Fuß verbunden. Was um uns herum vor sich ging, nahmen wir einfach nicht wahr, und die Siedlung leerte sich zu der Zeit, die Menschen verließen sie. Wir fuhren weiter sorglos mit dem Boot auf unsere Insel, wobei wir häufig den Polartag mit der Nacht verwechselten. Einmal, als wir nach Hause zurückkehrten, rätselten wir, ob es wohl Morgen oder Abend wäre. Wir bemerkten am Ufer einen einsamen Fischer. Den fragten wir nach der Uhrzeit. Mit unerschütterlicher Ruhe antwortete er: „Elf“. Da mußten wir lachen, denn damit wußten wir immer noch nicht, ob es nun Tag oder Nacht war, aber wir genierten uns zu fragen.

Es war keine Zeit zum Nachdenken, und so erklärten wir uns mit dem Vorschlag des Kommandanten einverstanden. Er erlaubte uns offiziell die Abreise aus jermakowo nach Igarka, um dort die Ehe beim Standesamt registrieren zu lassen. Mit dem Dampfer „Josef Stalin“, der erst kürzlich vom Satpel gelaufen war, fuhren wir flußabwärts und ließen uns am 5. Juli 1954 trauen. Trauzeuge war Jurij Blekow, ein bekannter Verbannter aus Jermakowo. Bei den Blekows feierten wir auch unsere Eheschließung und übernachten bei ihnen.

Regelmäßige Passagierdampfer, die flußaufwärts fuhren, gab es nicht. Im Hafen vonIgarka fand sich ein Kutter, etwa so einer wie die „Omul“ Fritjof Nansens. Der Kapitän des Kutters hatte keine Eile; er hoffte noch mehr Passagiere aufnehmen zu können, denn „pro Nase“ bekam er 30 Rubel. Die Fahrt war ein absolutes Abenteuer. Sturm, Schlingern, Nebel. Es war unverständlich, die der Kutter sich dabei orientieren konnte und dazu noch Passagiere aufnahm, bzw. an Land absetzte. Gegen Abend waren wir in Jermakowo. Zuerst begaben sich die Neuvermählten zum Kommandanten. Der war sehr zufrieden. Selbst die „frischgebackene“ Schwiegermutter bekam nun die Reisegenehmigung für den Nord-Ural. An einem warmen Julitag verließen wir für immer den Ort unserer Verbannung auf einem Raddampfer, Baujahr 1905, und fuhren den Jenisej aufwärts. Auf dieser Route war 41 Jahre zuvor auch Fritjof Nansen gefahren. Uns stand eine lange Reise von vielen hundert Kilometern bevor, wir würden also viele Tage unterwegs sein. Für so eine lange Fahrt – acht Tage und Nächte auf dem Fluß, und dann noch mit der Eisenbahn – mußte man anständig mit Lebensmitteln versorgt sein. Schicke Restaurants gab es damals auf den Dampfern nicht. Brot, getrockneter Fisch, Fleisch, Kuchen stellten den Haupt-Reiseproviant dar. Meine Schwiegermutter, bei der ich gut angeschrieben war, kümmerte sich darum, den Schwiegersohn mit etwas Besonderem zu verwöhnen. Ich erzählte ihr, wie man meinen geliebten Schmelzkäse herstellte. Nach einigen versuchen gelang es ihr unterwegs hervorragenden Käse mit Thymian und anderen Zutaten herzustellen.

Wir hatten eine kleine Kajüte für vier Personen mit einem Fenster. Das waren schöne Tage – unsere Flitterwochen, unsere Hochzeitsreise in eine nicht ganz klare, aber doch vielversprechende Zukunft. Am Morgen deckten wir feierlich den Tisch, stellten die leckersten Dinge darauf – nicht nur Sachen, die wir mitgenommen hatten, sondern auch Lebensmittel, die wir an den Anlegestellen erworben hatten. Und in der Mitte stand unbedingt immer unser Schmelzkäse. Je weiter wir nach Süden kamen, desto wärmer wurde es. Unser Käse wurde immer reifer und größer. Es war schon nicht mehr möglich, ihn in der Kajüte zu lassen. Auf unserem Deck fand ich die rote Kiste mit dem Feuerlöscher. Und dort versteckte ich den Käse. Wir lüfteten die Kajüte gründlich, und der eigenartige Geruch verschwand. Dafür fing der Geruch nun an, sich auf dem zweiten Deck zu verbreiten und wurde bald unerträglich. Ich versuchte den Käse aus der Kiste zu holen, aber irgend jemand vor mir hatte ihn bereits über Bord geworfen. Schade!

Jeden Tag waren wir aufs Neue über den Anmut und Liebreiz der sibirischen Natur entzückt, und wir begriffen, dass wir für immer von ihr Abschied nahmen. Weiter gen Süden gab es wieder richtige Sonnenauf- und –Untergänge. Wir fotografierten viel, um dem Bruder zu zeigen, wo wir waren und was wir gesehen hatten. Ich muß erwähnen, dass ich damals über eine erstklassige Spiegelreflex-Kamera der Marke „Zenit“ verfügte, die ich über einen nowosibirsker Versandhandel bezogen hatte. In Jermakowo kursierte ein Katalog des Versandhandels, anhand dessen man jede beliebige Ware bestellen konnte. An jeder Ware stand eine Ziffer und eine Markierung. Die Bestelliste konnte man, zusammen mit der entsprechenden Geldsumme, per telegrafischer Anweisung versenden, und das Paket kam dann mit dem ersten Dampfer.

Wir fotografierten entgegenkommende Dampfer, riesige Flöße, an denen vorne ein winziger Schlepper keuchte, steile, aber auch sanft abfallende Ufer, Anlegestellen, Fischersiedlungen und Menschen. An einem der glücklichen und unvergeßlichen Tage ließ ich mich gemütlich mit meinem Fotoapparat am Heck des Schiffes nieder, denn ich hatte gesehen, dass uns auf der linken Seite ein schneller fahrender Dampfer überholte. In diesem Augenblick streifte irgend jemand vorsichtig meine Schulter: „ Sagen Sie, was fotografieren Sie da?“ – Ich drehte mich leicht um und antwortete: „In diesem Moment den Dampfer „Friedrich Engels“, der regelmäßig auf dem Jenisej verkehrt. Seit 1906.“ Der Mann, der mich angesprochen hatte, war etwa 30 Jahre alt. Er stellte sich vor: „ Ich bin der operative Bevollmächtigte des Schiffes“. Ich kapierte sofort: „Das heißt, Sie sind hier der Offizier der Sicherheitsorgane...“ .

In diesem Augenblick mußte ich auch an etwas anderes denken. Als Nansen auf dem Jenisej fuhr, hatte er von der Besiedlung dieser endlosen Weiten mit Menschen geträumt. Sein Traum wurde auf eine ganz verzerrte Weise wahr. Die riesigen Gebiete wimmelten nur so von Häftlingen und verbannten. An den Anlegestellen wurden Zählappelle und Überprüfungen der Papiere durchgeführt, um Fluchtversuchen vorzubeugen, als wenn man es mit Grenzposten zu tun hätte. Am Lagerpunkt Jermakowo gab es zum Beispiel eine ganze Brigade wieder aufgegriffener Flüchtlinge. Also achtete auch hier ein Bevollmächtigter auf Ordnung und gleichzeitig auf die Einhaltung der Gesetze.

„Kommen Sie bitte mit in Kajüte 25 und zeigen Sie Ihre Ausweispapiere vor“, sagte der Bevollmächtigte. Ich murmelte vor mich hin, dass meine Papiere in der Kajüte lägen, und er erlaubte mir großmütig sie zu holen. Mein Zusammenprall mit einer solch wichtigen Schiffsperson beunruhigte meine liebe Gefährtin und meine Schwiegermutter sehr. Ich nahm meine persönlichen Dokumente und begab mich in die Kajüte erster Klasse im vorderen Teil des Dampfers. Mein Ausweis bestand aus einem einfachen Blatt Papier etwa folgenden Inhalts: „Sonderumsiedler Ruge, Walter Erwinowitsch, geb. 1915, fährt zwecks Familienzusammenführung zu seinem Bruder – Ruge, Wolfgang Erwinowitsch, in die Siedlung Soswa, Gebiet Swerdlowsk. Er verpflichtet sich, sich in Zeiträumen von ... bis (spätestens nach vier Wochen) sich beim Kommandanten der Siedlung Soswa, Serowsker Kreis, zur Registrierung zu melden. Eine Zuwiderhandlung wird gesetzlich bestraft. Ruge W.E. wird begleitet von seiner Ehefrau, der Sonderumsiedlerin Ruge-Alfjorowa, Irina Andrejewna, und ihrer Mutter Alfjorowa, jelena Iwanowna, benfalls Sonderumsiedlerin. Auch sie haben sich beim Kommandanten der Sidelung Soswa innerhalb der genannten Frist zu melden“.

Ist das nicht ein vorbildliches Dokument füreinen wachsamen Bevollmächtigten? Ich mußte mich hüten, schließlich war er hier so etwas wie ein Zar oder Gott. Aber nichts Schlimmes geschah. Im gegenteil. Es entspann sich eine Unterhaltung. Er wollte wissen, wie ein ehemaliger Komsomolze aus Deutschland an die Ufer des Jenisej geraten war, einer, der – wie er erklärte – über solide Kenntnisse des Marxismus-Leninismus verfügt, die Welt kennt und mit guten Argumenten urteilt und entscheidet. Er gab zu, dass das von mir fotografierte Schiff hier schon vor dem ersten Weltkrieg gefahren sei. Dem Tauwetter nach dem Tode Stalins war es auch nicht entgangen. Er beendete die Unterredung, indem er trotzdem noch einmal seine MWD-Macht herauskehrte: „ Je weiter wir uns Krasnojarsk nähern, desto mehr Brücken, Anlegestellen, Fabriken und ähnliches tauchen auf. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie Ihren Fotoapparat nicht auf diese Objekte richten“. Darauf gab ich ihm mein „Pionier-Ehrenwort“.

Dezember 1998
Potsdam
Deutschland


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