Menschen und Schicksale. Den Opfern der politischen Repressionen des Krasnoturansker Bezirks gewidmet...

Familie Schenberg (Schönberg)

Das Leben der Menschen und ihre Schicksale gestalten sich auf unterschiedliche Weise. Viele tragische Seiten, über die man irgendwie nicht schweigen darf. Viele Menschen in Krasnoturansk sind nicht aus eigenem Willen dorthin gelangt, aber Krasnoturansk wurde ihr Schicksal, ihre Heimat, denn etwas anderes war ihnen nicht beschert

Über die Ereignisse jener Tage sagte der deutsche Dichter Konstantin Koppel folgendermaßen:

Mit den Zügen reckte sich das Unheil,
so wie die Weiten der Wolga.
Mit Kreuzen steckten wir unseren
leidvollen Weg nach Sibirien ab
Die Züge zogen sich dahin
in die fernen Gefilde, die nicht unsere Heimat waren
Unsere Lieder wurden zu Stöhnen
Und das Leben nur Qual und Sehnsucht
Wie lange haben wir geträumt:
Eine helle Zeit wird kommen
und dann wird die Wolga
mein gequältes Volk wiedersehen.

Eine dieser Familien waren die Schenbergs. Emmanuel Karlowitsch und Frieda Josefowna, gebürtig aus dem Gmeliner Bezirk, Gebiet Saratow. Ihre Kindheit spielte sich an der Wolga ab.

Emmanuel wurde 1915 geboren. Der Großvater väterlicherseits, Alexander Schenberg, ist Jurist, der Großvater mütterlicherseits, Friedrich Aichmann (Eichmann) Gärtner. In seinem Garten gab es viele Obstbäume. Alle Einwohner der Ortschaft Kano aßen die Früchte aus seinem Garten. Und er kam mit seiner Wirtschaft gut voran er besaß auch Pferde, Kühe und Schafe. Doch der bekannte Zeitraum der Geschichte nahm der Familie alles: die Pferde wurden konfisziert, der Garten abgeholzt, und beide Familien wurden enteignet und in den Norden verschleppt, wo sie bald darauf verstarben. Emmanuels Vater, Karl Alexandrowitsch Schenberg, wurde nicht enteignet, denn er lebte mit seiner Familie separat. Er war als Oberbuchhalter in der Kolchose tätig, in der Familie gab es fünf Kinder, die Mutter kümmerte sich um ihre Erziehung. Nichts wurde beschlagnahmt. Doch das Unheil ließ nicht lange auf sich warten, 1937 wurde K.A. Schenberg Repressalien ausgesetzt und von einer Troika des NKWD zum Tod durch Erschießen verurteilt. Im Dezember 1937 wurde das Urteil vollstreckt, er wurde posthum rehabilitiert.

Emmanuel war der Älteste in der Familie, ab seinem 14. Lebensjahr musste er arbeiten. Der Junge musste sich um die konfiszierten Pferde kümmern. Sie mussten gefüttert werden, aber es gab kein Futter. Den hungrigen und nicht getränkten Pferden zerriss es die Gedärme. Mit diesen gepeinigten Tieren mussten sie pflügen, aufgrund des Futtermangels setzte ein großes Viehsterben ein. Vieles bewahrt die menschliche Erinnerung, aber man konnte nicht alles erzählen. Es war ein schweres Leben. 1938 heiratete er Frieda Josefowna Geft. Sie stammte aus einer armen Familie, der Vater war früh gestorben, die Mutter blieb allein mit den vier Kindern zurück, Frieda war die Älteste. Ab dem 16. Lebensjahr arbeitete sie als Traktor-Fahrerin. Emmanuel brachte sie in die Familie seiner Mutter, die aus sechs Personen bestand. Die jungen Leute wollten leben, komme was wolle, und sie beschlossen ihr eigenes Leben zu führen. Per Hand stellten sie Lehnziegel her und bauten ein Haus. Emmanuel war eins ehr guter Meister in Sachen Holz, und nicht nur das: was er auch in die Hand nahm, alles gelang ihm. Freunde halfen beim Verputzen des Hauses, doch sie hatten weder Geld, noch Lebensmittel, um die Leute mit Essen zu versorgen. Emmanuel begab sich ins Kontor, bat um einen Laib Brot und das teilte er dann unter allen auf.

1940 wohnte die Familie bereits im eigenen Haus, sie hatten zwei Kinder einen Sohn und eine Tochter, die jedoch im Alter von sechs Monaten starb. In diesem Jahr hatten sie eine gute Ernte. Aufgrund der geleisteten Tagesarbeitseinheiten erhielten sie Getreide; sie konnten sich wieder einigermaßen sattessen, erwarben Hühner, ein Ferkel und ein Kälbchen. Bald darauf wurde erneut eine Tochter geboren. 1941 brachten sie eine nie dagewesene Ernte ein; die Männer arbeiteten alle beim Einbringen der Ernte, es gab so viel Getreide, dass sie nicht alles abtransportieren konnten, sondern es direkt aufs Feld streuten.

Aber es sollte nicht dazu kommen, dass Korn aus der neuen Ernte zu essen.

Das Jahr 1941. Kriegsausbruch. Am 28. August 1941 erging das Dekret Über die Umsiedlung der in den Wolgagebieten lebenden Deutschen"; es sah vor, die gesamte in den Wolgagebieten lebende deutsche Bevölkerung in andere Bezirke auszuweisen, was zu einer Tragödie des Volkes führte. Karl Karlowitsch, Emmanuels Bruder, wurde vor dem Krieg in die Armee eingezogen. Als der Krieg ausbrach, geriet er an die Front. In einem der Kämpfe wurde er schwer verwundet, kam ins Lazarett. Danach schickten sie ihn bis zur vollständigen Genesung auf Urlaub nach Hause. Am 5. September 1941 brachte er die Zeitung mit und las den Ukas über die Deportation der Deutschen vor, aber niemand wollte glauben, dass so etwas möglich war. Doch der eingetroffene Behördenvertreter in Militäruniform erteilte den Befehl, sich im Laufe der Nacht fertig zu machen. Man erlaubte ihnen lediglich das Allernotwendigste mitzunehmen.
Am Morgen brachte man die Menschen mit Leiterwagen zur Bahnstation. Alles, was sie sich mit viel Schweiß und Blut angeschafft hatten, mit ihren kleinen Kindern auf dem Arm, machte sich auch die Familie Schenberg auf den Weg. Die Fahrt dauerte 16 Tage und Nächte. Man transportierte sie in Güterwaggons, sie besaßen kein Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen. Sie aßen hauptsächlich Zwieback und tranken Wasser. Krankheiten brachen aus, die Menschen starben, man warf sie einfach unterwegs aus dem Zug.

Sie kamen nach Sibirien. Untergebracht wurden sie in Krasnoturansk. Hier begegnete man ihnen auf unterschiedliche Weise: die Einen mit Verständnis, die anderen feindselig, manche halfen ihnen, manche feindeten sie an. Es kamen neue Schwierigkeiten: Unkenntnis der Sprache, fehlender Wohnraum. Es wurden immer mehrere Familien in einem Haus untergebracht. Aber nach und nach gewöhnten die Menschen sich aneinander und verstanden sich. Emmanuel arbeitete in der Tischler-Werkstatt des Industrie-Kombinats, er arbeitete schnell und mit viel Verstand und kam mit jeder beliebigen Aufgabe gut zurecht. Man produzierte für die Front Skier, Reifen, Schlitten, Fuhrwerke usw. Ende 1941 starb die Tochter, gefolgt vom Sohn.

Es begann die Mobilisierung der Deutschen in die Arbeitsarmee, und da es in der Familie keine Kinder mehr gab, holte man auch Frieda in die Arbeitsarmee, obwohl sie ein Kind erwartete. Es war November, die Menschen wurden zu Fuß bis zur Stadt getrieben. Am Ufer, unterhalb einer großen Schlucht, mussten sie übernachten. Am Morgen gingen sie weiter. Man schickte die Menschen nach Baschkirien, nach Ischimbai. Die junge Generation fragt, was eine Arbeitsarmee ist. In Friedas Erinnerung sind dazu ein von Stacheldraht umgebenes Lager und bewaffnete Wachen geblieben. Die Bedingungen, unter denen die Angehörigen der Arbeitsarmee lebten und arbeiteten, unterschieden sich nicht von denen der Kriminellen. Zur Arbeit wurden sie über eine Strecke von mehreren Kilometern getrieben. Bei jedem Wetter, unter der Begleitung von Wachmannschaften, die den Befehl hatten, beim kleinsten Verdacht zu schießen. Die Menschen starben durch Hunger, Kälte und Krankheiten. Die Halbtoten und Toten wurden in ein- und denselben Schuppen getragen; im Winter gab es keine Bestattungen, und im Frühjahr warf man die Leichen alle in eine große Grube. Frieda hatte das Glück, lebend nach Hause zurückzukehren. Sie war fast blind, aufgrund von Erschöpfung litt sie an der sogenannten Hühner-Blindheit. Von Abakan kam sie hauptsächlich zu Fuß, aber unterwegs hatte jemand Mitleid mit ihr und nahm sie auf seinem Fuhrwerk bis zum Flussübergang mit. Nachdem der Fluss überquert war, ging es erneut zu Fuß weiter, eine gute Frau war ihr auf den letzten Kilometern bis nach Hause behilflich. In der Nacht kam sie zu Hause an, und am Morgen des 28. Juni 1943 brachte sie eine Tochter zur Welt.

Die gesamte deutsche Bevölkerung, alle die nicht in der Arbeitsarmee waren, mussten sich einmal im Monat persönlich in der Kommandantur melden. Emmanuel war in seiner Kindheit an Typhus erkrankt und hatte aufgrund von Komplikationen sein Gehör verloren. Trotzdem holten sie ihn jeden Monat vor die Kommission. Da sie nicht glaubten, dass er taub war, unterzogen sie ihn verschiedenen Prüfungen. Er war ein aufrichtiger, gutmütiger Mensch, der bis zu seinem Lebensende nicht gelernt hatte, wie man List anwendet und betrügt. Nach mehreren Tests wurde Emmanuel dennoch für die Arbeitsarmee als geeignet befunden. Doch der Direktor des Industrie-Kombinats Noschow verteidigte ihn.

In der Tischler-Werkstatt arbeiteten ausschließlich Jugendliche zwischen 15 und 16 Jahren. Sie arbeiteten für die Front, das Plansoll war hoch angesetzt, und E. Schenberg war der einzige Meister. 1949 erfüllte die Werkstatt gleich mehrere Plansolls im Monat. In seiner Arbeit gab es keinen Ausschuss, er erledigte beliebige schwierigste Aufgaben, mit denen kein anderer zurechtkam, und man sagte von ihm, er habe goldene Hände.

Nachdem Krieg kamen andere Bestellungen, die Menschen lebten auf, erwarben Möbel. Und wieder erledigte Emmanuel die wichtigsten Aufgaben; im Hinblick auf Arbeitsschnelligkeit und Produktqualität konnte es ihm keiner nachtun. Sein Porträt hing stets an der Ehrentafel, doch als die Medaillen verliehen wurden, ging er aufgrund seiner Nationalität leer aus.

Die Schenbergs lebten einträchtig miteinander. Alles machten sie durch: Hunger und Kälte, Krieg und Zerfall, Repressalien und Arbeitsarmee, aber sie verloren den Mut nicht. Nach dem Krieg kamen die Verwandten, die Familie bestand aus acht Personen, alle wohnten in einem kleinen Häuschen, das nur ein einziges Zimmer besaß.

Trotz der Erschwernisse war diese Familie fröhlich und gesellig. Sie hatten immer viele Gäste, die Hausfrau war eine angenehme Gesprächspartnerin und konnte bei Kummer trösten und mit Rat und Tat zur Seite stehen; sie leistete, so gut es ging, materielle Hilfe und teilte mit Freude. Allen wurde geholfen so gut es ging: Nachbarn, Verwandten, Nahestehenden und entfernten Bekannten. Allen gegenüber zeigten sie sich fürsorglich: Kranken und Schwachen, Angehörigen oder auch einfach nur Bekannten. Es waren freigebige Menschen mit einer großen Seele.

Doch das Schicksal bestrafte sie hart: schon früh schieden zwei Söhne aus dem Leben: Fjodor - 22 und Roman - 30. Ein solcher Schlag wirkte sich auf die Gesundheit aus. Trotz ihres sehr schwierigen Lebens verhärteten sich ihre Seelen nicht; bis zu den letzten Lebenstagen blieben sie bescheiden, gutherzig und aufrichtig. Den Fleiß, der ihnen zu eigen war, haben sie an ihre Kinder, Enkel und Urenkel weitergegeben.

Tochter Klara Emmanuilowna Wolf lebt auch weiterhin in Krasnoturansk. Hieer leben auch ihre Kinder Konstantin und Olga.

1962 fuhr Klara Emmanuilowna nach Abakan, um dort am Pädagogischen Institut an der philologischen Fakultät zu studieren; die Aufnahme-Examina legte sie mit Erfolg ab. Während ihrer Studienzeit arbeitete sie bei der Ernte in der Sowchose Kämpfer im Schirinsker Bezirk. Der Arbeitstag erstreckte sich über alle 24 Stunden; sie arbeitete genauso, wie die Erwachsenen. Sie lebten in Wohncontainern ohne jeglichen Komfort. Obwohl sie ständig an Müdigkeit litt, war sie fröhlich und interessiert. Wenn man sie nicht zur Ernte schickte, wurden im Lager oder in der Schule praktische Arbeiten durchgeführt.

Ihrem Ehemann Wassilij Alexandrowitsch begegnete sie 1962. Im Herbst begleitete sie ihn zur Armee, wartete drei Jahre, und nach Abschluss des Instituts heirateten die beiden. Sie fand in ihrem Heimatort entsprechend ihrer Ausbildung eine Arbeit als Schullehrerin. Ihr Mann war Fahrer. Sie lebten bei den Eltern, wo bald darauf Sohn Kostja geboren wurde, fünf Jahre später auch Tochter Olga. Die Kinder wuchsen heran, sie lernten gut, erfreuten ihre Eltern durch gutes Benehmen und erfolgreiches Lernen. Kostja ging nach der Schule auf die landwirtschaftliche Akademie, die er erfolgreich als Arzt und Chemiker beendete. Er heiratete und hat drei Kinder.

Tochter Olga beendete die Schule und besuchte anschließend die Sanitäter-Abteilung der medizinischen Fachschule, sie arbeitet im Bezirkskrankenhaus als Krankenschwester. Sie heiratete einen Russland-Deutschen und hat drei Kinder.

Klara Emmanuilowna 40 Jahre im Bildungsbereich. Derzeit befindet sie sich im wohlverdienten Ruhestand und verbringt ihre gesamte Freizeit mit den Enkelkindern, die vor den Augen der Großeltern aufwachsen. Sie helfen ihren lieben Enkeln bei allem, was sie können, legen ein Stückchen ihrer Seele in sie hinein, geben die Stafette des deutschen Geschlechts an sie weiter, dank derer die geliebten Enkelkinder jene Eigenschaften eines ausdauernden, fleißigen und guten Charakters geerbt haben.

Ich bin die glücklichste Oma der Welt, ich habe eine große Familie, und alle leben einträchtig miteinander. Ich verbeuge mich tief vor meinen Eltern, dass sie uns allen ein Stückchen ihrer Seele vererbt haben. Und ich hoffe, dass Enkel und Urenkel die Erinnerung an diese bemerkenswerten Verwandten und mir teuren Menschen bewahren und würdige Nachfolger ihrer Vorfahren werden, - sagt Klara Emmanuilowna.

Quellen: Familien-Archiv und Erinnerungen von Klara Emmanuilowna Wolf

 


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